Klettern: “Geht nicht? Gibt’s nicht!”

Andi Fichtner 2006 bei der Grönland-Expedition, Erstbegehung der Route "Tartaruga" (ital. Schildkröte). Foto: Christoph Hainz

Andi Fichtner 2006 bei der Grönland-Expedition, Erstbegehung der Route "Tartaruga" (ital. Schildkröte). Foto: Christoph Hainz

„Extrem gut kann ich vor allem eins, nämlich essen!“, scherzt Andi Fichtner zum Ausdruck extrem, dem Attribut, das die Ausnahmekletterin überhaupt nicht mag, jedoch häufig zu hören bekommt. Kein Wunder, denn in ihrer sportlichen Vita steht eine Erstbesteigung in Grönland, Express-Begehungen von Nordwänden, Klettern an gefrorenen Wasserfällen oder Meistertitel im Speed-Klettern. Aber die 34-jährige Stuttgarterin stellt entschieden klar. „Ich bin kein Adrenalinjunkie! Für mich zählt das Gesamterleben des Kletterns!“ Dazu würden halt auch gewisse Extremsituationen gehören. Solche Situationen erfährt die vielseitige Kletterin vor allem bei ihrer großen Leidenschaft, dem alpinen Klettern in Fels und Eis. Doch vor dem Einstieg in die Wand wird entspannt bei extrem gutem Essen. Dann landet schon mal ein Viergangmenü im Biwak auf dem Gaskocher.

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Andi Fichtner weiß noch genau die Menüfolge vor einem ihrer beeindruckendsten Kletter-Erlebnisse, die am Fuß des Walkerpfeilers begann: „Es gab Geschnetzeltes, Zucchini, Gnocchi und zum Nachtisch Kaiserschmarrn“, zählt sie genüsslich auf. „Das hält Leib und Seele zusammen!“, versprüht sie Bergsteigerweisheiten. Die Genussmittel schleppten sie und ihr Kletterpartner vom Tal sieben Stunden bergauf bis zum Fuß der Nordwand an der Grande Jorasses. „Das ist der ehrlichste Weg!“ Vor dem nächtlichen Einstieg wurde dann bis auf etwas Tütennahrung alles vertilgt. „Wir lagen kugelrund in unseren Schlafsäcken und konnten ohne Verzögerung durch Frühstücken starten.“ Ab diesem Moment wird der Schalter umgelegt, sich auf das Wesentliche konzentriert. Gestärkt vom guten Essen geht es weiter mit äußerst leichtem Gepäck. Denn die Stuttgarterin will zügig hinauf. Schnelle Begehungen und ursprüngliches Bergsteigen ohne unnötigen technischen Schnickschnack und Ballast sind ihr Ding. „Schnelligkeit ist beim Klettern gleich Sicherheit“, erklärt die passionierte Alpinistin, dir in nur einem Tag die Route bestieg für die andere bis zu drei Tage benötigen.

Doch danach nicht genug der alpinen Herausforderung. Mit ihrem Kletterpartner trampte sie durch den Mont Blanc Tunnel und knöpfte sich die nächste Wand vor – die Westwand der Drus. „Da oben darfst du aber nicht den Kopf abschalten, sonst gefährdest du den Abstieg, der genauso anspruchsvoll ist“, erinnert sie sich an die Müdigkeit, die sie und ihr Partner nach zwei schnellen Begehungen überkam. Erst nachdem sie den Gletscher hinter sich ließen und den Wanderweg Richtung Auto erreichten, kam der Verstand zur Ruhe und der Körper wollte nur noch in die Horizontale, beziehungsweise kopfüber am Hang ruhen, bis sie sich dann ziemlich erschöpft und mit voller Klettermontur in ihr Auto schleppten und in komatösen Schlaf fielen. „Ich war fit, gut vorbereitet und das Wochenende war noch nicht vorbei“, erklärt sie den alpinen Gewaltakt. „Das sind Erlebnisse von den du jahrelang zehrst. Das Glück über die Leistung kommt oft Tage später.“

Nur sind die geliebten Berge für die Stuttgarterin nicht immer erreichbar und solche Ausflüge sehr aufwendig. So verlagerte sich in der letzten Zeit ihr Schwerpunkt auf das Sportklettern, insbesondere auf die Disziplin Speed, in der sie mittlerweile für die Nationalmannschaft klettert und Titel wie die Deutsche Meisterschaft 2010 holte. Bouldern, Klettern auf Absprunghöhe, schätzt sie als gutes Training der Kreativität und als Gemeinschaftserlebnis bei Wettkämpfen. Dabei wollte sie mit dem Klettern den Wettkampfsport hinter sich lassen.

Zuvor betrieb sie nämlich zwölf Jahre Voltigieren als Leistungssport. Mit 18 Jahren war dann Schluss und da war zunächst keine Idee, wie es weiter geht. Eher zufällig entdeckte die Sportlerin den Klettersport. Freunde nahmen sie auf die Schwäbische Alb mit, um ihr das Klettern zu zeigen. Doch als diese bei acht Grad Celsius und Regen keine rechte Lust verspürten aktiv zu werden, ließ sich die blutige Anfängerin ins Seil einbinden, bekam Express-Schlingen und Klemmkeile an den Gurt gehängt, eine kurze Anweisung und auf ging es. Als sie dann über die letzte Kante kletterte und am Gipfel saß, wusste sie: „Das ist mein Sport, weil man den ganzen Körper, jeden Muskel benutzt, dazu Kopf und Psyche braucht. Klettern ist unglaublich vielseitig. Dieses Abwägen und die Entscheidungen beim Alpinen über sich selbst und die Bedingungen, wenn das alles passt, dann kannst du einsteigen!“


Andis Steckbrief:

- geboren am 11.10.1976 in Leonberg
- 2005 Diplom Kommunikationsdesign- lebt in Stuttgart- arbeitet als freie Grafik- und Webdesignerin, Fotografin, Dozentin, und Trainerin
- hat mit 19 Jahren das Klettern angefangen
- in ihrem Routenbuch stehen große alpine Wände, wie Droites-Nordwand, Walkerpfeiler oder Dru, extreme Wasserfallklettereien, Mixed-Routen und Sportklettertouren bis in den unteren 10. Grad.
- 2006 Grönland-Expedition, Erstbegehung der Route “Tartaruga”
- 2009 deutsche Vizemeisterin im Speed-Klettern
- 2010 gewinnt sie die deutsche Meisterschaft in dieser Sportart und siegt beim Europacup auf Zypern.
- Motto: “Geht nicht – gibt´s nicht!”
www.andifichtner.de

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