Nach schwerem Sturz auf Reisen

Aline Bock war die erste Deutsche, die an der Freeride Worldtour teilnahm. Foto: Daniel Zangerl

Aline Bock war die erste Deutsche, die an der Freeride Worldtour teilnahm. Foto: Daniel Zangerl

Sie war die erste Deutsche, die an der Freeride Worldtour teilnahm. 2010 holte Aline Bock unerwartet den Weltmeistertitel. Die letzte Saison endete für die 29-Jährige jedoch äußerst unsanft. Ein schwerer Sturz bei einem Videodreh setzte die passionierte Snowboarderin außer Gefecht. Am Atlantik erholte sich beim Surfen ihre Seele, während der Körper noch mehr Zeit brauchte. Diese Saison konzentriert sich Aline aufs Reisen. (Zu ihrer Reise nach Japan demnächst mehr bei XsportSisters.) Über Verletzungen, Plan B, die Reiselust, Frauen beim Freeride, Freundschaften und die Liebe zum Sport berichtet die Wahlinsbruckerin im Interview mit Heike Müller.

Wie verbringt eine Snowboarderin den Sommer?

Ich bin ab Mai immer am Meer Wellenreiten. Meistens in Frankreich und Portugal. Wenn der Schnee nass wird und die Füße in den Snowboardboots feucht, tausche ich sie gegen FlipFlops ein. Aber diesmal lief es anders …

.. aufgrund Deines schweren Sturzes! Wie geht es Dir jetzt?

Beim Surfen fiel es mir noch schwer, länger im Wasser zu sein. Surfen war nicht das Gescheiteste, weil mir Knochen aus der Hüfte als Platzhalter zwischen zwei Halswirbel eingesetzt wurden. Aber es macht mein Herz glücklich im Meer zu sein und keine Contest zu fahren.

Warst Du vorher schon so schwer verletzt?

Gestürzt bin ich oft, viel und hart. Bei dem Sport musst du viel einstecken. Ich hatte mir die Zunge fast abgebissen, das Handgelenk zertrümmert und den Rücken angebrochen. Derzeit bin ich so froh, ohne Schmerzen aufzustehen. Da weiß ich den Wert eines gesunden Körpers zu schätzen.

Bitte erkläre Deinen Sport und die Faszination Snowboard Freeride!

Seit etwa 15 Jahren spielt Snowboarden in meinem Leben eine große Rolle: als Hobby, Wettkampfsport und Beruf. Begonnen habe ich mit  Freestyle in der Halfpipe, wechselte nach einigen Jahren zu Slopestyle, bevor ich mich auf neue Herausforderungen beim „Freeriden“ (Snowboarden in  hochalpinem Gelände) eingelassen habe. Beim Freeriden dreht sich viel um Erfahrung. Wie schätzt man den Berg ein, den Schnee, den Wind, wie sein eigenes Fahrkönnen. Es lauern überall Gefahren, vor allem wenn es viel geschneit und dazu gewindet hat. Und leider bekommt man niemals eine hundertprozentige Sicherheit, dass es nicht gefährlich ist. Jedoch ist das Gefühl, einen steilen, unverspurten Hang, im Pulverschnee runter zu fahren einfach unbeschreiblich. Freeriden bedeutet für mich, mich selbst und meinen Fahrstil auszudrücken, kreativ zu sein, meine eigene Spur zu finden. Es macht mich unheimlich glücklich!

Wie bist du zum Freeride gekommen?

Backcountry fahren, Powder Runs und gute Lines zu suchen machte  mir schon immer super viel Spaß, aber ich habe nie daran gedacht, auch an Contests teilzunehmen. Irgendwann realisierte ich, dass ich bei den Freestyle-Wettbewerben unter den Älteren bin und stand vor der Frage: was kommt jetzt? Als ich schon so weit war, den Job in den Mittelpunkt meines Lebens zu stellen, kam der Einstieg in die Freeride-Wettbewerbe. Es machte von Anfang an unglaublich viel Spaß und hat sich bewährt.

Wie hat der Erfolg Dein Leben verändert?

Die Profikarriere war nie wirklich mein großer Traum. Ich  möchte sie aber natürlich nicht missen, da ich dadurch in der Lage bin viele neue Leute, Umgebungen, Kulturen, Traditionen oder  neue Berge mit ihren besonderen Gegebenheiten kennenzulernen. Mein Erfolg ermöglicht mir, diese Leidenschaft auch im Beruf zu leben und mit dem Weltmeistertitel bekomme ich immer öfter die Gelegenheit, meine Faszination für diesen Sport der Öffentlichkeit vorzustellen.

Wie kamst Du zum Surfen?

Ich bin vor einigen Jahren mit einer Freundin nach Bali/Indonesien gereist. Sie hat mir damals die Basics gezeigt. Von der ersten  Welle an, die mich sehr unsanft an den Strand spülte, wurde ich aber in einen Bann gezogen. Seit diesem Zeitpunkt versuche ich so oft es geht meine freie Zeit in den Wellen zu verbringen.

Und was bedeutet es für Dich?

Beim Surfen bekomme ich den Kopf frei, kann mich auspowern. Ich liebe das Meer genauso wie die Berge und brauche den Strand und die Wellen, um neue Energie für die lange Wintersaison zu tanken.

 Wie sieht es mit dem Thema Sicherheit aus?

Die Sicherheit ist ein ganz wichtiger Punkt. Bitte passt auf Euch auf, vor allem abseits der Pisten, wenn frischer Schnee gefallen ist. Seid nicht zu waghalsig. Aus einem Mega-Powdertag kann ganz leicht einer der schlimmsten Tage eures Lebens werden. Besser ist es, mit einem breiten Grinsen im Gesicht nach einem unvergesslichen Tag mit Freunden im Schnee vom Berg zu kommen, als mit dem Heli abtransportiert zu werden. Nehmt ein Verschütteten-Suchgerät, Schaufel und Sonde mit und übt regelmäßig den Umgang mit diesen Geräten – zur eigenen und zur Sicherheit eurer Freunde, denn ohne richtiges Verhalten im Notfall sind schon zu viele unnötig dem Lawinentod zum Opfer gefallen.

Du wirkst neben Deiner Freude am Sport manchmal sehr erwachsen …

Ich habe gelernt nach vorne zu gucken. Während der Ausbildung habe ich für das Snowboarden nie alles stehen und liegen lassen. Das wurde mir so von zuhause mitgegeben. Es war klar, dass ich die  Ausbildung abschließe. Plan B ist so wichtig, damit ich im Worst Case nicht ins Loch falle. Wenn ich mich noch schwerer verletzt hätte, was dann?

Bist Du unfallversichert?

In meinem Sport musst du versichert sein, was sehr teuer ist. Dafür bin ich aber selbst verantwortlich. Das Travel Budget der Sponsoren reicht fürs Reisen aus. Bei der Freeride Worldtour geht vom Preisgeld etwas für die Versicherung ab. Die lassen uns nicht hängen und kümmern sich um uns.

Der Schnee hatte letzten Winter ja nicht mitgespielt …

Es war eine der schwierigsten Saisons ins Europa. Viel Schnee gab es höchstens in Kanada. Als dann endlich Schnee fiel, wurde es sehr lawinengefährlich. Die kaum bedeckten Steine waren immer im Kopf. Das war schwierig für alle Filmproduktionen, vor allem bei Landschaftsszenen fürs Freeriden.

Welche sportlichen Ziele konntest Du in der letzten Saison verwirklichen?

Es hab nicht den Titel verteidigt. Für mich war die Saison aber echt gut. Ich habe versucht zu zeigen, dass Frauen auch größere Cliffs springen können. Ich wollte mit mehr Abstand vorne dabei sein, mein Level puschen und musste daher mehr riskieren und mehr einstecken. Das Ziel habe ich erreicht, trotz miserablem Winter. Ich hab in einem Film mitgewirkt (Lipstick Productions). Am Ende der Saison war mein Körper dementsprechend müde, was bestimmt mit zu dem Unfall führte.

Wie haben Dir Deine Freunde in der Zeit beigestanden?

Anne-Flore Marxer, die beim Dreh dabei war, war sofort zur Stelle. Auch meine Managerin und Freundin Pia Schröter kam sofort. Und über Telefon haben sich alle gemeldet, auf die ich zähle. Das war ein schönes Gefühl zu wissen, man ist nicht allein.

Wie viel Raum lässt das Vagabundendasein für tief schürfende Beziehungen?

Du lernst wahnsinnig viele Leute kennen, mit denen du deine Leidenschaft teilst. Nur wenige bleiben einem langfristig erhalten. Ich hab ein paar tolle Freunde, wie meine Mitbewohnerin. Schön, dass ich mit meiner Managerin Pia zusammen arbeite, da es nicht nur Arbeit, sondern Freundschaft ist. Es gibt aber auch viel Oberflächlichkeit in der Szene. Freundschaft ist mir daher sehr wichtig. Daher fliege ich auch regelmäßig nach Hause um sie zu pflegen.

Verliert man sich nicht in der Welt?

Ich freu mich, jetzt wieder reisen zu können. Ich kann nicht lange an einem Ort bleiben. Manchmal mach ich mir Gedanken, ob ich nach der Snowboard-Karriere eine Heimat finde und ohne Reisen glücklich sein kann. Ich genieße es gerade extrem.

Du bist schon früh in der Welt herum gekommen!

Wir sind als Familie immer viel gereist. Mit Wohnwagen, Sportgerät und drei Kindern. Ich hab nie damit aufgehört. Als Schülerin bin ich zum  Austausch in die USA und nach Reunion und später als Praktikantin nach Frankreich. Durchs Snowboarden hab ich die tollsten Länder kennen gelernt.

Welches Land, welcher Ort hat dich am Meisten beeindruckt?

Russland war ein Abenteuer. Du wusstest nie, was als nächstes passiert. Du muss das Reisen dort mit Humor nehmen, dann ist das der tollste Trip, den Du je gemacht hattest. Wir haben dort 2008 für Roxy einen Film gedreht.

Und dann hast Du letztes  Jahr die Nordlichter in Norwegen gesehen …

Wir waren weit oben in Norden. Wir haben es fast jede Nacht gesehen. Das war ein Gefühl  wie im Traum.

Wo ist Deine gefühlte Heimat?

In Innsbruck. Da, wo ich studiert habe und wo meine Freunde sind, aber auch in Überlingen, wo ich aufgewachsen bin und meine Familie lebt.

Bekommt man  sich in dem Elfenbeinturm des Extremsports das Weltgeschehen stark mit?

Du lebst ein wenig in der Bubble, reist von Surfspot zu Surfspot, von Skigebiet zu Skigebiet. Doch die Naturkatastrophen betreffen uns. Wie Fukushima. Japan ist ein Traumgebiet für Tiefschnee (Wie Aline dieses Jahr erfahren durfte). Surfer bekommen die Verschmutzung des Meeres nach den Tieren als erste ab. Auf einmal ist dein Lycra voller Öl. Es ist leicht in der Bubble zu leben, doch momentan müssen wir uns überlegen, wo wir in Zukunft noch fahren können.

Apropos Selbstmarketing! Du wirst als eine der wenigen Extremsportlerinnen in den Medien stark wahrgenommen!

Ich hab Marketing studiert, aber das ist nicht alles. Früh war mir bewusst, mein Schicksal selber in die Hand nehmen zu müssen, meine Chancen und Kontakte zu nutzen. Als Frau musst du beim Freeride kämpfen, um wahrgenommen zu werden. Es fällt mir leicht mich auszudrücken. Was ich sage, kommt von Herzen. Ich zeige, ich bin ein normales Mädchen, das in die Freeride-Szene rein gerutscht ist.

Wie weit würdest Du Dich selbst vermarkten!

Ich möchte nicht für schöne Fotos, sondern fürs Snowboard-Fahren respektiert werden. Ein gutes Action-Foto ist für mich viel mehr Wert, als ein Portrait. Es macht auch super Spaß ein Fashion-Shoot zu machen, aber der Sport muss im Vordergrund bleiben.

Wie ist der Stand von Frauen beim Snowboarden?

Es ist ein von Männern dominierter Sport. Du musst als Frau das Doppelte leisten. Die Magazine drehen sich um Männer und Snowboarden. Das Budget der Männer ist oft höher. Wir haben daher nicht soviel Möglichkeiten auf dem gleichen Level zu trainieren. Da ist es schwieriger, auch das Gleiche zu leisten. Unsere Budgets werden immer schmaler sein und dann heißt es: „Warum sind die Frauen nicht so gut, wie die Männer?“

Inwiefern bestimmt Sport Dein Leben?

Sport wurde mir in die Wiege gelegt. Kajaks, Surfbretter, Fahrräder – alles drehte sich zuhause um Sport. Ich kann nicht still sitzen und hab viel Energie zu verbraten. Durch die acht Wochen Zwangspause bin ich ruhiger geworden. Aber ein Leben ohne Sport würde nicht gehen. Ich bin total offen für Anderes. Ich hab letzten Sommer angefangen zu klettern. Das hat soviel mit Überwindung, Technik und Körperbeherrschung zu tun. Da hab ich mehr Adrenalinausschub als bei Freeride Events.

Wie wichtig ist das Äußere für Dich?

Es macht mir sehr viel Spaß am Abend aus den weiten Snowboardklamotten raus zu kommen und mich bei gegebenem Anlass sogar in ein Ballkleid zu schmeißen. Als Extremsportlerin kannst du auch Frau und Mädchen sein.

Das Interview erschien zuerst in “Active Woman”, http://www.active-woman.de/

Aline Bock liebt die Freiheit - im Schnee. Foto: Daniel Zangerl

Aline Bock liebt die Freiheit - im Schnee. Foto: Daniel Zangerl

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