Kletter-Kunst in Felsspalten

Anna Stöhr (links) und Jule Wurm holten sich Hilfe bei Kletter-Ikone Lynn Hill. Fotos: E.O.F.T. 2011/2012

Anna Stöhr (links) und Jule Wurm holten sich Hilfe bei Kletter-Ikone Lynn Hill. Fotos: E.O.F.T. 2011/2012

Beim Bouldern macht Anna Stöhr (seit 17. Juli 2011 Weltmeisterin im Bouldern) und Juliane Wurm (Drittplatzierte) kaum einer etwas vor. Doch als sich die beiden erfolgreichen Wettkampfkletterinnen zum ersten Mal in der hohen Kunst des Risskletterns versuchen, müssen sie noch einmal ganz von vorn anfangen. Denn Rissklettern erfordert eine besondere Technik, die erst einmal gelernt sein will. Zum Glück haben Juliane und Anna die beste Lehrmeisterin gefunden, die man sich vorstellen kann. Die amerikanische Kletterlegende Lynn Hill zeigt ihnen, wie man seine Hände und Füße am besten zwischen den Felsspalten verkeilt um sich Stück für Stück nach oben zu arbeiten. Am Castleton Tower in Utah treffen zwei Generation aufeinander: auf der einen Seite Lynn Hill, die bereits die „Nose“ frei geklettert ist, bevor Juliane und Anna überhaupt laufen gelernt hatten und auf der anderen Seite die beiden jungen Wettkampfboulderinnen, die so gut wie keine Erfahrung im traditionellen Klettern haben.

Klettern ist nicht gleich Klettern

Technisch gesehen können sie an ausgesetzten Stellen zwar mit lässigen Zügen auftrumpfen, doch gegen Lynns jahrelanger Erfahrung im Rissklettern kommen sie nicht an. Zwischen Wettkampfbouldern an künstlichen Kletterwänden und traditionellem Rissklettern liegen eben Welten. Beim Rissklettern sind die Routen nicht vorgebohrt, das heißt alle Sicherungen müssen selber gelegt werden. Bouldern dagegen ist Klettern in Absprunghöhe, ohne Seil und Sicherung. Nur ein sogenanntes Crashpad, eine dicke Schaumstoffmatte, liegt am Boden und federt den Sturz des Sportlers im Zweifelsfall ab.

Überwindung

Vor allem Juliane kostet es große Überwindung, sich voll und ganz auf die selbstgelegten Sicherungen zu verlassen. Auch wenn Lynn, die immer vorsteigt, das Sichern im Schlaf beherrscht. Kein Wunder, wenn man die meiste Zeit in der Kletterhalle trainiert und nun sein Leben einem kleinen Sicherungsgerät anvertrauen soll, das sich bei Bedarf zwischen den Felsspalten verklemmt. Doch sie nutzt die Reise in die USA um eine neue Art des Kletterns kennenzulernen. Auf so manche Erfahrung hätte sie im Rückblick allerdings gerne verzichtet:

„Es hat gewittert, als wir oben auf dem Tower ankamen, und wir uns alle sehr gegruselt haben. Das Dumme war, dass die Kommunikation schlecht war, es war ja total windig. Wir haben uns alle nicht mehr gehört. Die Filmer und die ganze Kameracrew war schon oben, wir standen noch eine Seillänge darunter und haben gerufen: „Sollen wir jetzt noch hoch? Sollen wir jetzt noch hoch?“ Und die haben uns nur den Daumen hoch gehalten. Dann sind wir einfach losgeklettert.“

Nach Abschluss der Dreharbeiten für den Film “Outside The Box – A Female Tale”  – zu sehen im Rahmen der European Outdoor Film Tour 2011/2012  – lassen Lynn Hill und Juliane Wurm die Erlebnisse am Castelton Tower noch einmal Revue passieren.

Am Castleton Tower in Utah zeigte die amerikanische Kletterlegende Lynn Hill den Kletterinnen Jule Wurm und Anna Stöhr, wie sie ihre Hände und Füße zwischen den Felsspalten verkeilen, um sich Stück für Stück nach oben zu arbeiten. Fotos: E.O.F.T. 2011/2012

Am Castleton Tower in Utah zeigte die amerikanische Kletterlegende Lynn Hill den Kletterinnen Jule Wurm und Anna Stöhr, wie sie ihre Hände und Füße zwischen den Felsspalten verkeilen, um sich Stück für Stück nach oben zu arbeiten. Fotos: E.O.F.T. 2011/2012

E.O.F.T.: Wie war es für dich, mit Lynn zu klettern?

Jule: Es war toll. Was mir so gefallen hat ist, dass sie es überhaupt nicht raushängen lässt, was sie für diesen Sport getan hat, all diese Pionierarbeit. Aber wie sie geklettert ist, das war schon sehr beeindruckend.

Lynn: Ihr beide habt eine sehr dynamische Technik. Es ist interessant, was für einen Einfluss die Kraft und die Herangehensweise an das Bouldern darauf haben können, wie man klettert – zumindest was bestimmte Züge angeht. Das ist einer der Unterschiede zwischen den verschiedenen Kletterstilen, der mir aufgefallen ist. Und dass ihr euch ohne jede Angst aus der Wand fallen lasst, auch von weit oben. Das mit den Crashpads ist allerdings nicht nur eine gute Sache. Als ich angefangen habe zu klettern, hatten wir keine Pads unter uns, nur Spotter, obwohl der Boden manchmal voller Wurzeln und Steine war. Wenn man gefallen wäre, hätte man sich leicht einen Knöchel verstauchen können. Deshalb haben wir immer dafür gesorgt, dass die Route, die wir angehen wollten, auch zu schaffen ist, wenn sie auf uns beängstigend wirkte. Heute ist das Motto eher: „Einfach mal drauf los!“

Jule: Und wir haben auf jeden Fall auch etwas von Lynn gelernt. Wie man da seine Hände in die Risse klemmt und die Füße reinstöpselt. Ich glaube ich wusste nicht, wie verzweifelt ich in Kletterrouten sein kann. Und was ich dann aber auch aus mir rausholen kann. Die erste Seillänge gestern beim Tower – da war ich so verzweifelt. Ich dachte, da komme ich nie hoch. Ich mein Knie irgendwo reingeklemmt und meine Hand irgendwo verklemmt, das war die pure Verzweiflung. Aber es war cool, hat sich gelohnt.

E.O.F.T.: Was haltet ihr vom Trad Climbing?

Jule: Ich fand es sehr anregend und interessant, dir beim Klettern zuzuschauen. Ich dachte mir nur: Wow! Ich weiß, dass es eine ganz andere Art zu klettern ist als das, was ich jeden Tag in der Halle mache. Irgendwie eine ganz andere Sportart!

Lynn: Wir haben ja einst auch lange gebraucht, um uns den traditionellen Kletterstil anzueignen. Aber das ist schon so lange her, dass ich gar nicht mehr genau weiß, wie ich das Klemmen gelernt habe. Woran ich mich noch erinnern kann, ist, wie ich gelernt habe, Sicherungen zu setzen. Es gab die Klemmgeräte, die wir inzwischen verwenden, noch gar nicht, nur Klemmkeile und Hexentrics und die Risse selbst – das machte die Sache noch anstrengender. Ich glaube schon, dass du eine ganz gute Vorstellung davon hast, wie sich der traditionelle Stil entwickelt hat und was dahintersteht, welchen Mut er erfordert und so weiter. Die Tour am Castleton-Tower endete im Grunde wie viele Touren im klassischen Stil: mit ein „Epic“, bei dem sich ganz plötzlich, innerhalb von vielleicht zehn Minuten, alles ändert.

E.O.F.T.: Jule, wie wichtig ist für dich als junge Boulderin das klassische Felsklettern? Du trainierst ja vor allem in der Halle.

Jule: Das Klettern im Freien hat für mich eher einen Spaßfaktor, da geht es nicht ums Adrenalin. Deshalb wachse ich auch eher in der Halle über mich hinaus. Aber wenn ich im Urlaub bin, klettere ich schon auch mal im Fels – das macht dann einfach nur Spaß.

E.O.F.T.: Klettern ist fast schon Breitensport. Bringt das eher Vor- oder Nachteile mit sich?

Lynn: Wenn immer mehr Menschen mit dem Klettern anfangen, wird es durchaus Probleme geben, was den Zugang zum Fels und den Zustand der Wege angeht. Es hat also sicher auch Nachteile, denn das war eigentlich genau das, was ich am Klettern immer so geschätzt habe: die Freiheiten und das Fehlen jeglicher Vorschriften. Aber inzwischen sind es einfach zu viele Leute, da muss es natürlich Vorschriften geben und man muss sich überlegen, wie man die Ressourcen schützt.

Jule: Für das Hallenklettern ist es eine positive Entwicklung, weil das Ganze damit wirtschaftlich rentabler wird. Aber wenn dadurch beim Outdoor-Klettern die Natur zerstört würde, wäre das schlimm.

E.O.F.T.: Wie wurden Kletterinnen wahrgenommen, als du mit dem Klettern begonnen hast? Ist das heutzutage anders?

Lynn: Als ich angefangen habe, war der Frauenanteil meines Wissens nicht hoch, ich galt als Exotin. Inzwischen gibt es aber eine ganze Menge Frauen, die richtig gut klettern. Das stößt auch bei anderen Frauen auf Begeisterung.

E.O.F.T.: Wie steht ihr zum Thema Risiko?

Jule: Risiko kannte ich so bisher noch nicht – bis gestern (lacht). Ich klettere ja sonst immer in der Halle. Manchmal fahre ich auch nach Fontainebleau, aber da ist das Bouldern ja nicht gefährlich.

Lynn: Als ich mit dem Klettern begann, war die Gefahr allgegenwärtig: Die Ausrüstung war noch nicht so gut wie heute, außerdem hatten wir ein anderes Verständnis vom Klettern: Man suchte ja eigentlich das Abenteuer und war bereit, auch mal ein Risiko einzugehen. Wenn man nicht alle Variablen kennt, bringt das automatisch ein gewisses Risiko mit sich. Ich habe so gelernt, meine Gefühle zu kontrollieren. Als es gestern brenzlig wurde und wir dort oben die statische Aufladung spüren konnten, sagte ich mir deshalb auch nur: „Okay, bleib jetzt ruhig. Du kannst im Augenblick nichts an deiner Situation ändern. Es wird schon nichts passieren. Sieh einfach zu, dass du so schnell wie möglich wieder nach unten kommst.“

Jule: Das hat mich auch beeindruckt. Irgendwie habe ich Panik bekommen und mich plötzlich so hilflos gefühlt. Und du bist einfach total ruhig geblieben, das hat mir Mut gemacht.

Lynn: Das freut mich. Ich glaube, als Lisa uns erzählt hat, dass dort schon zwei andere Kletterer umgekommen sind…na ja. Mir war durchaus klar, dass es nicht ungefährlich ist. Vor der Tour habe ich dir doch erzählt, dass ich in Kirgisistan war. Dort haben wir auch die Spannung in der Luft gespürt, ich hatte das Gefühl, dass sie mir über den Rücken kriecht. Wir mussten uns richtig an den Hang ducken. Keine Ahnung, wie nah die Spannung war oder die Blitze. Aber das ist es ja auch, was es zu einem Abenteuer macht.

E.O.F.T.: Warum klettert ihr? Welche Gefühle beim Klettern sind für euch entscheidend, was reizt euch daran? Und könntet ihr euch vorstellen, irgendwann einmal nicht mehr zu klettern?

Jule: Ich glaube, ich klettere einfach nur, weil es mir so viel Spaß macht. Und nein, ein Leben ohne Klettern könnte ich mir nicht vorstellen.

Lynn: Ich fühle mich einfach gut, wenn ich klettere. Ich liebe es, wie sich mein Körper dabei bewegt, und ich liebe es, die Anstrengung zu spüren, mich völlig ins Klettern hinein zu versenken. Ich genieße die Schönheit der Natur und das Gefühl der Gemeinschaft. Das alles ist zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden, zu meiner Lebenseinstellung. Wenn ich auf das Klettern verzichten müsste, dann würde ich versuchen, irgendetwas zu finden, bei dem ich mich…

Jule: …ähnlich fühle…

Lynn: … ähnlich gefordert fühle, das genauso vielseitig ist wie das Klettern. Wenn ich nicht klettere, fühle ich mich irgendwie, nun ja, nicht niedergeschlagen, aber nicht ganz glücklich. Das Klettern gibt mir eine Art innerer Balance.

E.O.F.T.:  Lynn, nachdem du damals die legendäre „Nose“ im Yosemite National Park durchstiegen hattest, dauerte es zehn Jahre, bis einem Mann diese Route im gleichen Kletterstil meisterte. Was muss man als Kletterin mitbringen, um eine Route wie diese zu schaffen?

Lynn: Als ich sie mir damals vornahm, war einfach noch kein Mann auf die Idee gekommen, dass man ihn bezwingen könnte.

Jule: Prinzipiell glaube ich, dass es für Frauen fast unmöglich ist, so schwierige Routen zu klettern wie Männer. Von der Technik her gesehen würde das schon funktionieren, aber was halt immer noch entscheidend ist, sind körperliche Faktoren. Es ist nun mal klar, dass Männer mehr Muskeln aufbauen können.

Lynn: Testosteron – das ist der große Vorteil, den Männer haben. Deshalb nehmen viele ja auch Testosteron zur Leistungssteigerung – das macht enorm viel aus. Außerdem sind Männer größer und können daher weiter greifen. Eine Frau könnte also nur dann besser sein als ein Mann, wenn das Klettern dem weiblichen Wesen und Körper besser entsprechen würde. Außerdem fehlt es den meisten Frauen am Mut, sich so große, schwierige Ziele zu setzen. Bei längeren Routen gibt es dagegen mehr Variable, die entscheidend sind, und deshalb hat man da als Frau bessere Chancen. Der El Capitan ist zum Beispiel für jeden Kletterer eine Herausforderung, egal wie groß er ist, und ganz gleich ob Mann oder Frau.

Lynn Hill wurde 1961 in Detroit geboren und war in den 1980er Jahren ein der besten Wettkampfkletterinnen der Welt. Berühmt wurde sie durch die erste freie Begehung der „Nose“ (1000m) am El Capitan im Yosemite National Park. Nachdem sie den „Rockmaster“, das Wimbledon des Sportkletterns, fünfmal gewonnen hatte, zog sie sich aus dem Wettkampfgeschehen zurück und lebt mit ihrem Partner und ihrem achtjährigen Sohn Owen in Boulder, Colorado.

Juliane Wurm wurde 1990 in Halle/Saale geboren und holte sich bereits mit 16 Jahren ihren ersten deutschen Meistertitel im Klettern. Im Bouldern wurde sie 2010 Vizeeuropameisterin, in diesem Jahr belegte sie auf der WM in Arco den dritten Platz. Juliane trainiert zum größten  Teil in der Kletterhalle und klettert draußen eher selten. Sie lebt in Dortmund und möchte im Herbst ihr Medizinstudium beginnen.

Anna Stöhr wurde 1988 in Reith im Alpbachtal (Österreich) geboren und ist seit dem 17. Juli 2011 amtierende Weltmeisterin im Bouldern. Damit holte sich die österreichische Boulder-Queen den begehrten Titel schon zum zweiten Mal. Anna klettert viel in der Halle, bouldert aber auch gerne am echten Felsen. Mit dem Mammut Pro Team hat sich schon einige Kletterreisen in alle Welt unternommen und war unter anderem in den E.O.F.T.-Filmen „Urban Rocks“ (E.O.F.T. 08/09) und „A bit of a Rough“ (10/11) zu sehen. Anna lebt in Rum bei Innsbruck und ist Heeressportlerin beim österreichischen Bundesheer.

Wann sind die Filme der European Outdoor Film-Tour 2011/2012  zu sehen? Das  erfahrt ihr hier: http://www.eoft.eu/programm/eoft-1112/

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