1200 Kilometer durch die Eiswüste – mit 35 Kilo Schokolade!

Sie leben hoch! Den Baffin Babes kann Kälte nichts anhaben - dank gesunder Fettpolster und viel Schokolade. Pressefoto / European Outdoor Film Tour 2012

Sie leben hoch! Den Baffin Babes kann Kälte nichts anhaben - dank gesunder Fettpolster und viel Schokolade. Pressefoto / European Outdoor Film Tour 2012

Die Baffin Babes legen in 80 Tagen 1200 Kilometer auf Skiern zurück und beweisen in der arktischen Eiswüste, dass auch Frauen hart im Nehmen sind. Unter 400 Kilo Gepäck transportieren sie 35 Kilo Schokolade. Die Geschichte einer Expedition.

Joggen und Schokoladenverbot sind das Höchstmaß an Quälerei, das sich die meisten Frauen zumuten, um die ersehnte Bikinifigur für den Strandurlaub zu bekommen. Reif für die Insel sind die Baffin Babes auch. Doch auf die Bikinifigur können Vera und Emma Simonsson, Ingebjørg Tollefsen und Kristin Folsland Olsen verzichten. Ihr Reiseziel ist Baffin Island im hohen Norden Kanadas. Drei Bekleidungsschichten sind hier am Polarkreis mindestens nötig um die Eiseskälte abzuwehren. Und das bei 24 Stunden Sonnenschein am Tag!

„Train to get fit and eat to get fat!“
In 80 Tagen wollen die Baffin Babes die 1200 Kilometer von Qikiqtarjuaq bis Pond Inlet mit Skiern und Pulkas zurücklegen. Um fit genug für diesen Extremtrip zu sein, absolvieren die vier Frauen im Vorfeld umfangreiches Trainingsprogramm, stapfen zum Beispiel stundenlang mit einer voll gepackten Pulka im Schlepptau durch den Tiefschnee oder ziehen einen Traktorreifen hinter sich her. Die gute Nachricht: Hungern muss niemand. Stattdessen gibt es Chips und Schokolade satt. Bei einer Expedition durch die arktische Eiswüste kann ein kleines Fettpolster auf den Hüften jedenfalls nicht schaden.

Das nennen wir hart im Nehmen: Ein Eisbad in der Eiswüste! Pressefoto / European Outdoor Film Festival 2012

Das nennen wir hart im Nehmen: Ein Eisbad in der Eiswüste! Pressefoto / European Outdoor Film Festival 2012

Im Reich der Eisbären
Nach einem Jahr Vorbereitung geht es im März 2009 endlich los. Und von Anfang an läuft nicht alles so, wie es eigentlich geplant war. Ohne zwei Wachhunde wollen sich die Baffin Babes nicht aufs Eis wagen. Verständlich, denn sie begeben sich direkt ins Jagdgebiet der Eisbären. Es ist aber gar nicht so einfach jemanden zu finden, der ihnen zwei Hunde verkaufen möchte. Doch am Ende hat Kristin Erfolg und kehrt mit Buck („Den kannst Du haben. Er ist zwar auf einem Auge blind, aber sehr stark und erfahren!“) und Anu („Sie hat noch nie einen Schlitten gezogen, aber Du kannst es auf einen Versuch ankommen lassen!“ zu den anderen Babes zurück.

Die Pulkas sind bis zum Rand gepackt. Ungefähr 400 Kilo Gepäck braucht man für 80 Tage auf dem Eis. Gerecht verteilt auf 4 Pulkas macht das 100 Kilo für jeden. Unter den Nahrungsmittelvorräten, die zum größten Teil aus gefriergetrockneten Fertigmahlzeiten bestehen und nur noch mit Wasser aufgegossen werden müssen befinden sich auch 35 Kilo Schokolade. Insgesamt 92 Liter Benzin fallen ebenfalls stark ins Gewicht. Doch wie sonst sollte man hier draußen den Schnee zum Schmelzen bringen?

„Wir sind unterwegs. Endlich! Aber die strenge Kälte ist eine ständige Herausforderung. Um uns warm zu halten tragen wir drei Lagen Skiunterwäsche und ziehen unsere gestrickten Fingerhandschuhe niemals aus. Und jeden Tag treffen wir auf frische Eisbärenspuren. Im Geiste habe ich schon sämtliche Varianten von Eisbärbegegnungen durchgespielt, aber ich bin mir nicht sicher, wie ich im Ernstfall regieren würde.“ (aus Veras Tagebuch)

Auch wenn es schwierig ist sich bei Tage im Packeis zu orientieren und Eisbären zu erspähen, so lauert die eigentliche Gefahr in der Nacht. Damit wenigstens drei von vier Baffin Babes ruhig schlafen können, halten sie abwechselnd Eisbärenwache. Das Gewehr liegt stets griffbereit und sollten Buck und Anu Alarm schlagen, wird der Bär mit einem Warnschuss in die Flucht geschlagen. Zumindest in der Theorie…

Eiszapfen im Schlafsack
Man macht sich keine Vorstellung davon, wie kalt kalt sein kann. Morgens ist es am schlimmsten, wenn man wieder aus dem warmen Schlafsack herauskriechen muss. Doch nach einigen Tagen auf Tour wachsen die Eiszapfen sogar schon in Emmas Schlafsack – obwohl seine vierlagige Konstruktion genau das verhindern sollte. Um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen, lassen die Baffin Babes jeden Morgen Arme und Beine kreisen – gerne auch zu den Klängen von Missy Elliot. Denn Bewegung ist das Einzige, das gegen das Taubheitsgefühl in Fingen und Zehenspitzen etwas ausrichten kann.

Was unter keinen Umständen kalt werden darf, wird an einem ganz besonderen Platz verstaut: im BH. Immerhin ein Vorteil, den die Baffin Babes gegenüber ihren männlichen Abenteurerkollegen haben. Die Pumpe für den Benzinkanister ist ein solches Utensil. Unscheinbar und klein, doch sollte sie spröde werden und kaputt gehen, steht das Mittagessen auf dem Spiel. Sie teilt sich das begehrte warme Plätzchen übrigens mit Batterien, Kontaktlinsen und einem iPod. Und manchmal wünschen sich die Baffin Babes, sie könnten selber dort hineinkriechen.

Leben in der Seifenblase
Die Tage sind lang auf Baffin Island. Oft ist es viel zu kalt zum Reden, dann hängen Vera, Emma, Ingebjørg und Kristin ihren eigenen Gedanken nach. Was gerade draußen in der Welt geschieht, geht an ihnen vorbei: Bombenangriffe in Afghanistan, Schweinegrippe in Mexiko. Auf Tour ist das alles unerheblich. Die Baffin Babes befinden sich in ihrem eigenen kleinen Universum und genießen die Stille, die Einsamkeit und die Freiheit – obwohl die Schuhe drücken, der eisige Wind durch Mark und Bein fährt und die Angst vor den Eisbären jeden Schritt begleitet.

80 Tage ohne Dusche und Toilette sind vielleicht nicht jedermanns Sache, aber für die Baffin Babes ist das Fehlen sanitärer Anlagen kein Grund nicht auf Tour zu gehen und – wenn auch nur für knappe drei Monate – „auszusteigen“, sich zu verausgaben und dabei trotzdem neue Kräfte zu sammeln. Reduziert auf die drei Konstanten Essen, Schlafen und Gehen ist das Leben hier draußen ist gefährlicher und einfacher zugleich. Es wird getan, was getan werden muss, denn die Konsequenzen sind lebensbedrohlich.

„Auf dem Rückflug überqueren wir die Strecke, für die wir mit Skiern 80 Tage gebraucht haben, in nur zwei Stunden. Von oben sieht das alles so klein aus. Aber in meiner Erinnerung ist es immer noch groß und unendlich. Erst als ich in Göteborg in den Bus steige wird mir bewusst, wie weit wir von der Zivilisation, ihrem Tempo und dem pulsierenden Leben entfernt waren. Ich muss austreten und für den Bruchteil einer Sekunde denke ich daran einfach die Hosen runter zu lassen. Ich finde eine Toilette, doch die Benutzung kostet zehn Kronen. Geld habe ich keines dabei, den Code für meine Bankkarte und mein Handy habe ich vergessen. Mir ist, als ob ich mich in Zeitlupe bewege, während alles andere um mich herum in Höchstgeschwindigkeit vorbeisaust.“ (aus Emmas Tagebuch)

Die Dokumentation Baffin Babes ist Teil der European Outdoor Film Tour (E.O.F.T.) 11/12 und wird vom 8. Oktober bis zum 14. Dezember in 150 Städten in Europa zu sehen sein, http://www.eoft.eu

Steckbriefe
Emma Simonsson (Schweden, 12. Februar 1983) Emma studiert Soziologie an der Universität Göteborg und verbringt den größten Teil ihrer Freizeit am liebsten draußen. In Skandinavien, Kanada, Südamerika und Neuseeland hat sie bereits vor der Baffin-Island-Expedition einschlägige Outdoorerfahrungen gesammelt.

Kristin Folsland Olsen (Norwegen, 23. Mai 1982)
Kristin ist freiberufliche Journalistin und begibt sich niemals ohne eine Kamera auf Abenteuerreise. Sie hält Vorträge und arbeitet ebenfalls als Outdoor-Guide auf Spitzbergen und auf den Lofoten

Vera Simonsson (Schweden, 02. Februar 1981)
Vera ist ein waschechter Outdoorer und verbringt soviel Zeit wie möglich unter freiem Himmel. Zusammen mit Oscar Westman betreibt sie „Vega Expeditions“ und ist als freiberuflicher Outdoor-Guide schon in Norwegen, Schweden, Spitzbergen, Grönland und Afrika unterwegs gewesen. 2009 wurde sie zum „Female Adventurer of the Year“ gekürt.

Ingebjørg Tollefsen (Norwegen, 14. September 1982)
Für die Expedition auf Baffin-Island ließ Ingebjørg ihren ersten Job als Lehrerin sausen. Sie liebt Skifahren und Campen und ist auch gerne mit dem Hundeschlitten unterwegs. Daneben arbeitet sie als Outdoor-Guide auf Spitzbergen und auf den Lofoten.

Mehr über die Baffin Babes und ihre Expedition erfahren wir auf der Tour des European Outdoor Film Festivals. Pressefoto/ EOFF

Mehr über die Baffin Babes und ihre Expedition erfahren wir auf der Tour des European Outdoor Film Festivals. Pressefoto/ EOFF

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