Rasantes Berggewächs

Rebekka Gemperle nimmt Fahrt auf, Foto: SCHOLLEFOTO

Rebekka Gemperle nimmt Fahrt auf, Foto: SCHOLLEFOTO

Rebekka Gemperle ist kaum zu bremsen. Im Skateboard Downhill Worldcup fuhr die Bernerin auf Platz 2.

Am Start des Insul Cups, hoch über dem Eifeldorf, wärmt sich Rebekka Gemperle in ihrem neonpinken Kombi für die Rennen der Frauenklasse auf. Ihre auffällige Ledermontur hat auf der Rückseite ordentlich Leuchtfarbe gelassen. Weiße Abschürfungen zeugen von einem Sturz beim Weltcuprennen in Tschechien am Wochenende zuvor. Doch trotz Geschwindigkeiten bis zu 80 Stundenkilometern, die sie auf ihrem Rollbrett stehend erreicht, hält die Bernerin das Risiko für kontrollierbar: „Das ist ein Spiel mit den Grenzen. Ich taste mich vorsichtig an meine Möglichkeiten heran“, erzählt die 26-Jährige mit rauer, von einer Angina erstickter Stimme. Nicht die besten Bedingungen für das Weltcuprennen, aber Gemperle will ihr Bestes geben. Im ersten Rennen läuft auch alles nach ihrem Geschmack. Von dritter Position des Vierer-Feldes startend, kämpft sie sich vor der ersten Kurve nach vorne, fällt durch einen Bremsfehler zurück, fährt wieder nach vorne, wird überholt, um das Spiel nach fünf Kurven und 2,5 Kilometern zu gewinnen. Dieser Spaß am Rennen, sei das Wesentliche, versichert die ehrgeizige Brettsportlerin.

Ein Rennen war es auch, bei dem die Sozialanthropologin Skateboard Downhill entdeckte. Damals fuhr sie noch Dirtsurfer, war aber vom Longboarden direkt fasziniert. Kurz darauf kaufte sich ihr erstes „Pintail“, legte es aber zunächst zur Seite. „Zum Beispiel war mir die Vorstellung zu hart mit dem Fuß zu bremsen!“, gesteht sie. Die Wende kam vor fünf Jahren beim Thunhill in Thun (Schweiz), wo Rebekka auf der ganzen Strecke nicht nur die Fußbremse trainieren konnte. „Das ist jetzt so extrem, das ich jedes Wochenende auf dem Board stehe, plus zwei bis drei Mal in der Woche.“ Und das meistens nicht alleine. „Wir sind ein guter Trupp. Wir treffen uns wöchentlich in Biel und am Wochenende mit Skateboardern aus der ganzen Schweiz irgendwo auf dem Berg.“ Dort trainiert sie nicht nur mit maximaler Geschwindigkeit und idealer Kurvenlage ins Tal zu kommen, sondern auch den entspannteren Freeride insbesondere das Sliden in allen Varianten. „Zum Longboarden brauchst du den ganzen Körper. Das ist ein Komplex von so vielen Dingen: Geschwindigkeit, Technik und als wichtigster Punkt Balance“, schwärmt die Polysportlerin, die auch lange Zeit leidenschaftlich Einrad fuhr und ihren Gleichgewichtssinn auf der Slackline auspendelt. Doch ihre wahre Mitte findet sie auf dem Rollbrett. „Dann bin ich eins mit dem Brett. Ich mag dieses surfige Gefühl der Freiheit.“

Beim Skateboard-Fahren meistens mit dabei ist ihre guten Freunde Stefan Rüfli Bern, Christoph Batt (Region Biel) und Kevin Bouaich aus „Die wissen sehr viel vom Skaten. Ich profitiere von ihren Erfahrung.“ Mit Stefan Rüfli war sie auch beim Maryhill Festival of Speed in den USA. Ein privater Gönner hatte der jungen Frau den weiten Flug bezahlt. „Ich hatte mit Sponsoren von Anfang an Glück“, freut sich die Skateboarderin. Bereits 2008 fuhr sie mit einem Bretthersteller um die Wette und gewann ein Board. Heute ist sie vom schrillen Lederkombi, über den knallgrünen Helm, bis zu den Protektoren und der Uhr mit Materialsponsoring versorgt. Nur die vom Abbremsen stark strapazierten Schuhe und die Achsen muss sie noch selber zahlen.

Bekks vor dem Start, Foto: Schollefoto

Bekks vor dem Start, Foto: Schollefoto

Die Schuhbremse zieht Rebekka Gemperle im Finale des Insul Cups jedoch nicht, als sie in der Zielkurve die knapp vor ihr liegende Kanadierin Dasha Kornienko überholen will und dabei zu Fall bringt. „Ich war das ganze Rennen vorne. Bis zur letzten Linkskurve da kam mir Dasha zu nahe und ich hab sie vorsichtshalber vorgelassen, mit der Absicht sie mit mehr Ausgangsgeschwindigkeit danach zu überholen. Sie hat mich herankommen sehen und die Kurve zu gemacht!“ schildert sie den Zusammenstoß aus ihrer Sicht. „Ich bin zwar ehrgeizig und will mit dem Skaten vorankommen, aber ich bin nicht verbissen“, kontert die Schweizerin den Verdacht auf Übereifer. „Gewinnen heißt nicht zwangsläufig die Beste zu sein“, weiß sie und sieht einer drohenden Disqualifikation gelassen entgegen. Umso mehr freut sie sich über das Finale der Herren, in das es ihr guter Skate-Freund Stefan Rüfli geschafft hat. Unter Anfeuerung seiner Eidgenossin fährt er auf Platz 2 des Weltcuprennens. Rebekka Gemperle nimmt letztendlich Platz vier mit nach Hause und das für sie Wichtigste ist: Inspiration. „Du siehst so viele gute Fahrer aus aller Welt und lernst vom Zuschauen und selber Fahren.“

weitere Erfolge Saison 2011

-Teolo-Cup (Italien) 2. Platz im Weltcup
-Verdicchio, 1. Platz, Europameisterschaft
-Weltcupwertung insgesamt: 2. Platz, Platz 1 Katie Nielson und vor 3. Platz Marie Burgon

Wissenswertes:
Beim Longboard/Skateboard Downhill suchen die Brettsportler durch gezieltes Bremsen und in die Kurve Legen die Ideallinie bergab. Dabei werden Geschwindigkeiten bis zu 80 Kilometer die Stunde erreicht. Der größte Teil der Szene fährt „Stand-Up“ stehend, während ein kleiner Teil auf breiten Brettern liegend „Buttboard“ fährt.

Bei Downhill Skateboards liegen die Achsen weiter auseinander, sind stabiler und ruhiger gelagert als beim normalen Skateboard, Die breiten Rollen verfügen über gute Bodenhaftung.

Rennen werden mit Ledermontur, Vollvisierhelm, Protektoren für Rücken, Po und Beine und mit an den Handflächen verstärkten Handschuhen gefahren, die auch Stabilisierung beim Sliden, Bremsen und bei Kurvenfahrten bieten.

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