Unterwegs in Ligurien

Kein Bilderbuch, sondern Wirklichkeit: Eine alte Brücke führt über den Prino in Dolcedo. Foto: Lilian Muscutt

Kein Bilderbuch, sondern Wirklichkeit: Eine alte Brücke führt über den Prino in Dolcedo. Foto: Lilian Muscutt

Wer das Hinterland der Provinz Imperia entdeckt, verliebt sich auf der Stelle – in Olivenhaine und Zitronenbäume, in über tausend Meter hohe Berge und dichte Wälder, in selbst gemachtes Pesto und duftende Tomaten, in Kirchen und Jahrhunderte alte Brücken, in die engen Gassen der Bergdörfer und in die weiten Ausblicke der Gipfel.

Wer braucht schon das Meer? Das ist eine Frage, die mir mehr als ein Mal durch den Kopf geht, als ich den Urlaub mit meinem Freund im bezaubernden Dolcedo verbringe. Hier packt mich die Liebe für das Hinterland der „Blumenrivera“, abseits von der ligurischen Küstenstadt Imperia, besonders. Und so fahre ich auf dem Mountainbike los – nicht Richtung Meer, sondern weiter hinein ins Hinterland, um mehr von Liguriens Schätzen zu entdecken.

Ingrid und Jörg bauen in Lecchiore Oliven  an - ohne Pestizide, ohne Dünger. Foto: L. Muscutt

Ingrid und Jörg bauen in Lecchiore Oliven an - ohne Pestizide, ohne Dünger. Foto: L. Muscutt

In Lecchiore begegne ich Ingrid Reebig und Jörg Rehschuh. Das deutsche Paar baut mit ihrem Freund Gianni Oliven an, 1500 Bäume auf sieben Grundstücken zählen zu ihrem Eigentum. Das Besondere: Die ehemaligen Kaufleute verwenden weder Pestizide, noch Dünger. Sie setzen auf einen „natürlichen Anbau“. „Im Juni und September mähen wir die Gräser, die mannshoch auf den Grundstücken wachsen, und lassen das Gemähte liegen“, erklärt Jörg Rehschuh. So entsteht über die Jahre ein natürlicher Mulch. „Das Wort biologisch nehmen wir aber nicht in den Mund“, betont der Deutsche, der mit Freundin Ingrid seit fast sechs Jahren in einem eigenhändig sanierten Häuschen lebt. Der Begriff „bio“ sei besonders in Italien unter Verruf geraten, schließlich werben mit dem Begriff auch Firmen, deren Herstellungsverfahren wenig mit „bio“ zu tun haben.

Von September bis Mitte Oktober legt das Paar unter den Bäumen die Netze aus und vernäht diese. Ende Oktober beginnt die Erntezeit, Monate harter körperlicher Arbeit stehen an. Denn um eine hohe Qualität des Öls zu erreichen, erläutert Jörg Rehschuh, „soll jede Olive spätestens 48 Stunden, nachdem sie den Baum verlassen hat, zu Öl gepresst werden“. Bis zur Weihnachtszeit ist das Paar pausenlos auf den Beinen. Denn zwei Tage brauchen die Bauern, um alle neu herab gefallenen Oliven auf 40.000 Quadratmetern einzusammeln, dann bringen sie die Ernte in eine Ölmühle („Frantoio Ghiglione“ in Dolcedo). Ab Januar klopfen die Bauern mit Stöcken die restlichen Oliven von den Bäumen. Beginnt der Frühling, endet die Erntezeit.

Aber der eigentliche Wert liegt nicht im Geld. Denn mit dieser Anbauweise wird man nicht reich. „Wir wollten damals einen Neuanfang wagen“, sagt Ingrid. In der deutschen Heimat hatten Stress und Hektik den Alltag bestimmt. Die Arbeit sei hier zwar hart, aber nicht stressig. Beide genießen es, den ganzen Tag unter freiem Himmel zu sein. „Schon als ich ein Kind war, hieß es: ,Wenn ich keinen Dreck unter den Fingernägeln habe, ist was nicht in Ordnung“, erklärt Ingrid.

Zeigt her eure Wunde: MTB-Guide Angelo nach einer Freeride-Tour beim Monte Grande. Foto: L. Muscutt

Zeigt her eure Wunde: MTB-Guide Angelo nach einer Freeride-Tour beim Monte Grande. Foto: L. Muscutt

Unter freiem Himmel fühlt sich auch Angelo Viganó (43) am wohlsten. Der Italiener aus der Provinz Imperia ist meist auf dem Mountainbike oder mit Gartenwerkzeug in den Bergen unterwegs. Denn Angelo pflegt mit Freunden die anspruchsvollen Single-Trails, die es in Ligurien zuhauf gibt, die aber ohne Pflege zuwuchern würden. 2005 hat er deshalb mit fünf Mountainbike-Begeisterten die „Associazione Alpidelmare Outdoor“ gegründet. Die Freeride-Touren mit Shuttle-Service sind unbedingt zu empfehlen, weil wenig Mountainbike- und Wanderwege ausgeschildert sind. Aber Achtung: Die Abfahrten, die Angelo einem zeigt, sind der Hammer und sorgen für hohen Adrenalin-Ausstoß. Über sehr schmale, steile Pfade geht es über Slickrocks in Täler. Die Single-Trails sind wirklich „molto single“.

Also: Ab nach Ligurien – und verlieben!

XsportSisters empfehlen:

Enduro-Touren für Motorrad-Fahrer/innen bieten Enrica Perego und Corrado Provenzano von „Sudestraid“ an, Corrado spricht Deutsch, info@sudestraid.com, http://www.sudestraid.com/

Mountainbike-Touren, insbesondere Freeride-Touren über die anspruchsvollen Trails Liguriens organisieren die engagierten Gründer der „Associazione Alpidelmare Outdoor“, angelo.vigano@fastwebnet.it, http://www.alpidelmareoutdoor.com

Leckeres Olivenöl vom Feinsten, natürlicher Oliven-Anbau, ohne Pestizide, ohne Dünger, ohne jegliche Zusatzstoffe, 5-Liter-Kanister: 55 Euro, Bestellung bei Ingrid Reebig und Jörg Rehschuh in Lecchiore, Tel. 0039-0183-280529, injolisa@aol.de

Unterkunft: Häuschen, Häuser und Appartements für Selbstversorger mit viel Charme vermietet Ariane Irsslinger, info@ligurien-ferienhaus.info, http://www.ligurien-ferienhaus.info

Preiswerte, leckere Küche genießen XsportSisters und -brothers hier:

…in Dolcedo: Da Lalla (Bar, Ristorante, Pizzeria), Via Mameli, 4,  Dolcedo, Italien,

Tel. 0039 0183 280467, der Ort für Einheimische schlechthin, vor allem leckere Pizzen

…in Villatalla-Prela: Da Ramona / Osteria di Villatalla, an der Via Tavole gleich am Ortseingang, Tel. 0039 / 0183 282102, wunderschöner Ausblick

…in San Remo: Il Mulattiere, Via Palma 11, Tel. 0039-0184-502662, volkstümliche Hausmannskost, versteckt im Gassengewirr der bezaubernden Altstadt

…selbst gemachtes Eis (Honig + Lavendel!) in den Bergen bei Colle di Nava/Pornassio: Sorriso (Bar, Gelateria, Bed & Breakfast), Via Nazionale 18, Tel. 0039-0183-325063

Hochwertiges Öl von Ingrid und Jörg kann man per Mail bestellen. Foto: L. Muscutt

Hochwertiges Öl von Ingrid und Jörg kann man per Mail bestellen. Foto: L. Muscutt

Stand: August 2011

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