Spaßbremse im Bikepark? Von wegen!

Daniela Möllmann ist gerne mit Freundin Julia in Bikeparks unterwegs. Foto: privat

Daniela Möllmann ist gerne mit Freundin Julia in Bikeparks unterwegs. Foto: privat

Daniela Möllmann (32) verschlug es die Sprache. Eigentlich wollte sie den Continental Track des Bikeparks Winterberg runterheizen und über die Sprünge jagen, als sich der Kumpel ihres Lebensgefährten am Start vordrängelte. „Ich fahr’ vor und zeig’ dir die perfekte Linie“, rief er der Freeriderin zu. Warum will der mir Tipps geben?, grübelte die erfahrene Bikerin.

Auch wenn der ein oder andere Mountainbiker dem Irrtum unterliegen mag, dass Frauen per se Fahrtechnik-Anfängerinnen sein müssen, nimmt Daniela Möllmann jenes Erlebnis mit Humor und Gelassenheit. Denn die Entwicklung in der Bike-Szene spricht eine eigene Sprache, und die klingt positiv: Immer mehr Frauen zieht es auf actionreiche Freeride-, Downhill- oder 4-Cross-Strecken und Northshores, die Geschick erfordern. „2004 war unter etwa hundert Fahrern eine Frau, inzwischen sind es etwa 15 Frauen“, berichtet Patrick Kühn (30), Leiter des Bikeparks Winterberg im Sauerland, der allein in der Saison 2010 von über 20.000 Personen besucht wurde. Tendenz: steigend.

Den Trend erkennt auch Jörg Wilke von der Seilbahngesellschaft Willingen. Geschätzte 15 bis 20 Prozent mache der Frauenanteil der Bikepark-Besucher aus. „Der Anteil von Frauen, Kindern und Jugendlichen steigt von Jahr zu Jahr merklich an.“ Grund: „Downhill und Freeride sind nicht mehr die halsbrecherische Freizeitgestaltung von einigen Extremsportlern, sondern ein seriös etablierter Bestandteil der MTB-Bewegung.“

Im Bike Circus Saalbach Hinterglemm, wo 2010 „Europas neues Freeride Festival“ stattfand, stieg die Zahl der Besucher von rund 28.500 (2009) auf 38.700 (2010), wie aus den Aufzeichnungen der Bergbahnen hervorgeht. Auf den Mountainbikes, die über die Downhill- und Freeride-Strecken jagen, sitzen auch hier immer mehr Frauen. Zwischen 20 und 25 Prozent liegt inzwischen der Frauenanteil. Das Angebot an Girls Camps dehnt sich aus.

Viele Bikerinnen kämen nach Winterberg mit ihren Partnern oder besuchten Fahrtechnik-Seminare, um Bunny-Hops, Kurventechnik oder Sprünge zu üben, beobachtet Patrick Kühn vom Bikepark. Oft ziehe es ganze Familien hierher. „Aber vor allem kommen Mädels-Gruppen, die sich zum Biken treffen.“

Auch Daniela Möllmann trainiert Sprünge oder Kurventechnik am liebsten mit der „besten Freundin“ Julia Salchow (32), die sie über ein Mountainbike-Forum kennen gelernt hat. „Wir fahren häufig auf der Freeride-Strecke von Willingen oder nach Belgien zum Bikepark Filthy Trails – manchmal fast jedes Wochenende“, erklärt die Freeriderin, die vor zwei Jahren das Mountainbiken – insbesondere das Springen – für sich entdeckte und für das neue Hobby das Volleyballspielen in der Landesliga an den Nagel hängte.

Julia Salchow, die vor fünf Jahren über ihren Mann zum Biken kam und dafür ihre Kickbox-Karriere aufgab, genießt ebenfalls die Ausflüge mit der Freundin. „Wir pushen uns gegenseitig“, erzählt die ehemalige deutsche Meisterin im Amateur-Thaiboxen. „Eine von uns macht zum Beispiel einen neuen Sprung vor – und die andere fährt hinterher.“ So war es der Fall, als die beiden ihren ersten Double (Sprung über zwei Hügel) in Belgien meisterten. „Es ist schön, sich gegenseitig zu ziehen.“ Diese Sportart habe für sie einen hohen Stellenwert. „Ich brauche ihn zum Leben, zum Entspannen“, etwa nach einem anstrengenden Arbeitstag im Büro. Und mehr noch: „Es ist eine Art Lebenseinstellung.“

Die viel zitierte Annahme, dass Frauen ängstlicher als Männer sein sollen, widerlegen die beiden Freundinnen mit ihrer rasanten Fahrweise. Patrick Kühn, der Fahrtechnik-Seminare leitet, bestätigt: „Ich habe immer wieder Mädchen im Kurs, die sich einfach an die Kante stellen und springen.“ Nicht selten im Gegensatz zu einigen männlichen Teilnehmern, die „ängstlich an die Sache rangehen“. Der Bikepark-Leiter hat in den Seminaren allerdings die Beobachtung gemacht, dass Frauen zur der Befürchtung neigten, ausgelacht zu werden, falls sie stürzten. Dies sei viel häufiger ein Auslöser für Blockaden als Angst.

Allerdings macht es einen Unterschied, ob man als Kind bereits Erfahrungen auf dem BMX gesammelt hat oder ob „frau“ erst mit Ende 20 damit beginnt, den MTB-Sport von der Pike auf zu lernen. „Wenn ich junge Fahrer an mir vorbeifliegen sehe, ärgere ich mich und denke: Wieso hast du nicht schon früher damit angefangen?“, erzählt Julia Salchow. Sollte sie Kinder bekommen, würden diese einen besseren Start haben, sagt sie. Ob Sohn oder Tochter:  „Die werden sofort aufs Rad gesetzt! Da gibt es so supercoole, kleine Räder …“ Aber erstmal wird weiter trainiert, und im Sommer steht ein Girls Camp an. Julias Ziel: Eines Tages einen 3-Meter-Drop meistern.

Steffi Marth, 25, Profi-Mountainbikerin im 4-Cross:

Profi Steffi Marth bietet Seminare und Camps in Bikeparks an. Foto (Ausschnitt): TREK / Daniel Geiger

Profi Steffi Marth bietet Seminare und Camps in Bikeparks an. Foto (Ausschnitt): TREK / Daniel Geiger

„Ich halte Bikeparks für sehr wichtig. Die Abfahrten sind so gebaut, dass man extrem gut lernt. In der Natur sind die Hindernisse nicht so vorhersehbar. In Bikeparks kann man zum Beispiel bei kleineren Stufen anfangen und sich dann nach und nach steigern. Sie eignen sich für Anfänger und Fortgeschrittene. Ich leite Technik-Seminare für Frauen. In diesem Jahr warten Tagesworkshops in Riva am Gardasee, in der Schweiz und in Saalbach. Das lohnt sich, denn da gibt’s viel Publikum.“

26. Juli 2011

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