Antje Kramer – Meisterin der steilen Abfahrten

Ob sich Antje Kramer 2011 den deutschen Meisterschaftstitel wiederholt? Foto: Frank Bartsch

Ob sich Antje Kramer 2011 den deutschen Meisterschaftstitel wiederholt? Foto: Frank Bartsch

Antje Kramer (42) wird bei den deutschen  Meisterschaften im Downhill antreten ( Bad Wildbad, 24. Juli 2011).  Die Krankenschwester ist siebenfache deutsche Meisterin, zum achten Mal will sie sich den Titel holen.

Durch den leisen Sommerwald zieht ein Rauschen. Vögel singen, Sonnenstrahlen funkeln im Blätterdach, tanzen über das Laub. Das Rauschen wird lauter, kommt näher, immer näher. Jetzt. Hinter einer Kurve schnellt eine Gestalt auf einem Mountainbike hervor, den Körper eingehüllt in Schutzkleidung, springt – und saust weiter. Wer in diesem Sekundenbruchteil die Fahrerin erkannt hat, weiß: Antje Kramer (42) ist wieder unterwegs. Deutschlands weibliche Downhill-Ikone.

Die Extremsportlerin trainiert in einem Waldstück für die deutschen Downhill-Meisterschaften, die am 24. Juli 2011 in Bad Wildbad stattfinden. „Das ist mein wichtigstes Rennen für diese Saison.“ Die 42-Jährige will sich den Titel erkämpfen – zum achten Mal. Denn seit 2003 ist Antje Kramer Deutschlands Nummer eins im Downhill. Ende 2009 nominierte das „mountainbike rider magazine“ die Hattingerin neben drei weiteren Profi-Fahrern zum „Mountainbiker des Jahres“.  Als einzige Frau. Von einer „Mountainbikerin des Jahres“ war nicht die Rede. Die Sportdisziplin wird von Männern dominiert wie kaum eine andere.

Jedes Jahr stand die Sporterlin auf dem Siegertreppchen – bis auf den Wettkampf in der Saison 2010, als Antje Kramer aufgrund einer Verletzung nicht antreten konnte. Konkurrentin Harriet Rücknagel holte sich 2010 den Titel. Guter Grund, in diesem Jahr besonders hart zu trainieren, um den Titel zu erkämpfen.

Durch die warme Sommerluft schiebt Antje Kramer ihr knapp 18 Kilo schweres Downhill-Bike die legale Übungsanlage hinauf, der knallig-bunte Vollvisier-Helm, auf dem pinkfarbene Sonnen lachen, baumelt am Lenker. Die Schalthebel in Metallic-Rosa leuchten. Die Profi-Fahrerin hält inne und deutet auf den Hügel,  über den sie eben in hoher Geschwindigkeit elegant hinweg gefegt ist, als sei es das Einfachste auf der Welt. „Mensch, Kramer!“, schimpft sie über sich selbst mit einem Augenzwinkern. Heute Morgen um sechs Uhr die Nachtschicht beendet, dann sechs Stunden Schlaf, und jetzt gleich aufs Ganze gegangen! „Kalt“, ohne Aufwärmübung, sei sie gesprungen. Das hätte mächtig daneben gehen können. „Aber“, sagt sie, und ein Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus, „der war gut!“ Freude blitzt in ihren strahlend-blauen Augen hervor. Lebenslust, geballte Energie versprüht die athletische Frau mit den weiß-blonden Haaren.

Antje beim Ausüben ihrer großen Leidenschaft. Foto: Frank Bartsch

Antje beim Ausüben ihrer großen Leidenschaft. Foto: Frank Bartsch

Energie und Lebensfreude sind wohl Schlüssel zu ihrem Erfolg. Antje Kramer hat sich den steilen Weg zur  Anerkennung hart erkämpft. Die sportbegeisterte Frau, die schon als Kind mit dem Kanu wilde Gewässer erkundete, später mit Ski oder Snowboard über Pisten jagte oder als Windsurferin Wellen bezwang, entdeckte spät ihre Leidenschaft für den Mountainbikesport. Erst Ende der 90er Jahre kaufte sie sich ihr erstes Mountainbike. Auf Touren hinterließen ihre Waghalsigkeit und Schnelligkeit bei kniffeligen Abfahrten Eindruck. Ihr damaliger Mann, selbst Downhillfahrer, ermutigte sie, an Rennen teilzunehmen. Von da an war Antje Kramer besessen von dem Sport, nahm an einem Hobby-Rennen nach dem  nächsten teil. Die Konkurrenz war dürftig. Selbst in der Hobby-Klasse gingen kaum Frauen an den Start, dafür Hunderte von Männern. „Mein Antrieb war der Gedanke: Wir Frauen können das genauso wie die Männer. Ich werde euch zeigen, dass wir das können.“

Es folgen zehn Jahre unerbittlichen Trainings. Mit ihrem Trainingspartner übt Antje Kramer auf Downhill-Anlagen Sprungtechniken, lernt, die ideale Fahrlinie zu finden und ihr Rad sicher und schnell um scharfe Kurven, über dicke Wurzeln oder Felsen zu steuern. Im Fitnessstudio stemmt sie Gewichte, auf Touren baut sie Kondition auf und schult ihren Gleichgewichtssinn. Mindestens fünf Mal pro Woche trainiert die Frau  neben ihrer Vollzeit-Stelle als Krankenschwester, inzwischen sogar als Stationsleiterin. Wie andere Downhill-Profis muss sie Arbeit und Sport unter einen Hut bringen. Denn diese Disziplin wird in Deutschland – anders als etwa in den USA oder Frankreich – kaum gefördert. Jeder Urlaubstag geht für die Rennen in der Saison drauf, hohe Summen fließen in teure  Bike-Technik, Ausrüstung und Übernachtungskosten. Rund 6500 Euro hat ihr neues Downhill-Rad gekostet.

Antje Kramer bewegt sich in dieser Zeit auch gesundheitlich am Limit. Die Sportlerin zerschmettert sich ihr Schlüsselbein, erleidet Bänderrisse, bricht sich zwei Hände gleichzeitig. Als sie einmal beim Training auf den Kopf fällt, verliert sie für sieben Minuten ihr Bewusstsein – trotz Integralhelm. Am nächsten Tag geht sie arbeiten. Die Kollegen sollen nicht für sie in die Bresche springen. Auch im privaten Umfeld hinterlässt der  Hochleistungssport seine Spuren: Für Freunde, Familie und den damaligen Ehemann bleibt kaum Zeit. „Ich habe diesen Sport akribisch betrieben. Ich kannte zehn Jahre nichts anderes.“

Aber genau das hat sich nun verändert. Das Privatleben wiegt schwerer als früher. Seit Ende 2009  hat sie wieder einen festen Freund, erzählt die 42-Jährige. Nach langer Zeit. Die Beziehung will sie nicht aufs Spiel setzen. Sie möchte es anders machen, als sie noch verheiratet war. Auch mit Freunden und Familie pflegt die Profi-Sportlerin wieder regelmäßigen Kontakt. Ob Männer sich wohl eher Raum nehmen für das, wozu sie sich berufen fühlen? Oder sind die Erwartungen aus dem persönlichen Umfeld andere? Antje Kramers Blick schweift bei diesen Fragen nachdenklich in den Wald, wo die Sonnenstrahlen so sanft auf den weichen Boden fallen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Sie kennt keine Antwort. Niemand kennt sie. Aber vielleicht ist das auch die falsche Frage. Wer neben Antje Kramer steht, merkt schnell: Hier geht’s allein ums Machen.

Den Sport aufzugeben, ist für die Downhill-Fahrerin undenkbar. Auch wenn es in letzter Zeit immer öfter heißt: „Du bist doch auch nicht mehr so jung!“  Denn es ist nicht nur der Ehrgeiz, der die Sportlerin  antreibt. Das Downhill-Fahren – „das ist Leben!“, ruft sie aus. Sie strahlt, ihre Augen lachen. „Ich liebe die Rennen, ihre Atmosphäre.“ Es sind die Erinnerungen an die vielen Menschen und Orte, die sie kennen gelernt hat, das Reisen, der schräge Humor der Fahrer, die aufs Ganze gehen, die Adrenalin-Kicks, „das prickelnde, positive Gefühl“. Die ständige Bewegung. „Immer unter Strom stehen.“

Zum Weitermachen spornt die Frau auch ein Gefühl an, das sie an jenem Tag im Jahr 2003 empfand, als sie ihre erste deutsche Meisterschaft gewann. Sie war 34 Jahre alt. In den Rennen zuvor war sie immer gestürzt und nicht am Ende der Strecke angekommen. Doch dieses Mal war es anders. „Ich hatte während der Fahrt das Jubeln der Menschen im Ohr und den Sprecher, wie er fragte: Ob sie es wohl dieses Mal schafft?“ Dann schoss sie ins Ziel. „Das war das Schönste. Wenn ich heute noch bei Rennen am Start stehe, hole ich das immer wieder hoch.“  Weitermachen lautet ihr Ziel. Auch wenn jene bedingungslose Verbissenheit fehlt. Und es wohl eine Frage der Zeit ist, bis ihre härtesten – und noch dazu viel jüngeren – Konkurrentinnen Harriet Rücknagel und Sandra Rübesam vorne liegen.

Die Konkurrenz ist auf dem Vormarsch. Die Zahl der Lizenzfahrerinnen im Downhill bleibt zwar noch überschaubar. Aber dafür hat sich in der Hobby-Klasse und auf Events einiges getan. Bei der Freeride-Rallye „Red Bull Trailfox“ in der Schweiz heizten vor zwei Jahren 28 Frauen ins Ziel. Antje Kramer wurde „nur“ Dritte. Aber die Sportlerin freut sich über diese Entwicklung: „Diese Frauen haben Kampfgeist, die wollen was bewegen. Vor zwei Jahren war das noch nicht so.“ Fahrtechnik-Seminare und -Camps für Mountainbikerinnen boomen. Antje Kramer, die selbst Workshops gibt, ist begeistert: „Ich find’ das Klasse!“

Die siebenfache deutsche Meisterin macht sich mit ihrem Downhill-Bike, das mit wegen seiner Robustheit und Komponenten eher an ein kleines Motorrad erinnert, weiter auf den Weg zum Startpunkt oben am Hang. Sie zeigt erneut auf den Sprunghügel. Einmal sei ihr ein Mountainbiker bei einem ähnlichen Sprung einfach hinterher gefahren, obwohl er keine Ahnung von Fahrtechnik hatte. „Der hat sich mächtig eingekratert.“ Nach dem Sturz hatte sie ihn erschrocken gefragt, wie das passieren konnte. „Der sagte: Ich dachte, wenn das eine Frau macht, kann ich das auch.“ Die Profi-Sportlerin lacht herzlich, sie kann das gar nicht fassen, schüttelt ihre hellblonden Haare, und ihre Stimme schallt durch den Wald, während sie ihr Bike weiter den Hang hinauf schiebt: „Das gibt’s doch gar nicht! Nur weil ich ne’ Frau bin!“

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