Rennpilotin auf dem Wasser: Simone Schuft im Interview

Eigentlich träumte Simone Schuft vom Fliegen. Stattdessen hebt sie seit acht Jahren mit ihrem Powerboot ab. Manchmal sogar ein wenig zuviel. Dann geht es kurz Richtung Himmel. Der kann der Rennpilotin nicht weit genug sein. Gerne geht die 36-Jährige an Grenzen. Dorthin wo noch keiner, vor allem keine vor ihr war, wie in das Cockpit eines Offshore Bootes 2009 oder zum 24-Stunden-Rennen nach Rouen 2010. Mit ihrem ungebremsten voran Wollen brachte sie auch die neue Rennserie ADAC Formel 4 Masters nach Deutschland.

Kurz vor der Boot, wo die Motorsportlerin ihr Schuft Racing Team präsentiert, berichtet sie über Unfälle, beeindruckende Erlebnisse und Ziele, auf die sie nahezu ungebremst zusteuert – wäre da nicht die Geschichte mit der verpatzten Worldtour-Teilname aufgrund frauenspezifischer Einreisebeschränkungen in die saudiarabische Hafenstadt Jeddah.

Eins deiner vielen Hobbys ist Lyrik?
Simone Schuft
: Ja, ich lese gerne. Ich habe früher gerne gedichtet und gehe gerne ins Theater. Das brauche ich als Ausgleich. Nur Motorsport ist etwas eindimensional. Ich versuche im Winter ein anderes Leben zu führen, mit Menschen, die dazu passen. Rennstall und Oper sind verschiedene Welten.

Gibt es beim Rennboot-Fahren auch lyrische, inspirierende Momente?
Simone Schuft
: Parallelen gibt es keine. Es ist auch schwer, das in Storys zu verarbeiten. Sicher, da passiert viel Spannendes, was ich gerne niederschreiben will. Doch im Sommer fehlt dafür die Zeit und im Winter sind die Emotionen verstaubt.

2009 bist du als erste Frau überhaupt ein Offshore-Rennen gefahren.
Simone Schuft
: Angefangen habe ich 2003 mit Inshore-Rennen. Wir haben uns von Jahr zu Jahr entwickelt. 2009 kam dann jemand von Offshore B auf uns zu. Meine Teamkollegen waren nach der rasanten Probefahrt überzeugt und sagten, da musst du mit. Ich war dann bei zwei Rennen als Navigatorin dabei.

Warum bist du nicht mehr dabei?
Simone Schuft
: Das Team „Project Raceboat“ ging im darauffolgenden Jahr nicht mehr an den Start. Die wollen sich hin zur größeren und schnelleren Klasse 3 entwickeln. Ich bin aber nach wie vor mit ihnen in Kontakt.

Ist dein Sport eine Männerdomäne?
Simone Schuft
: In meiner Einstiegsklasse waren unter zwölf Fahrern sechs Frauen. Davon sind am Ende der Saison nur zwei übriggeblieben. In meiner Serie bin ich derzeit die einzige deutsche Frau.

Wie kamst du zum Rennboot-Fahren?
Simone Schuft
: Ich hatte immer Spaß an Extremsport, wie an Paragliding, Bungeejumping, Canyoning oder Wildwaterrafting. Doch eigentlich wollte ich immer fliegen lernen. 2002 war ich kurz davor mich bei einem Flugclub anzumelden, als ich am ADAC-Sichtungstraining teilnahm. Zuhause hab ich dann meine Eltern gefragt, ob sie meine Helfer sein wollten, ich hätte da ein Leihboot in Aussicht. Bis dahin hatte ich zum Wassersport wenig Verbindung. Jetzt bekommt man mich vom Wasser nicht mehr weg. Ich hab auch vor Kurzem mit Wakeboarden angefangen.

Das Team trägt deinen Namen! Steckt das dein Vater als Sponsor hinter?
Simone Schuft
: Das Schuft-Racing Team ist mein eigenfinanziertes Team!

In welcher Rennklasse fährst du jetzt?
Simone Schuft
: Seit 2007 fahre ich in der ehemaligen Formula 4. Die gab es bis dahin nur in Skandinavien. Die Boote haben ein geschlossenes Sicherheitscockpit, das einem Aufprall bis zu 2000 Newton standhält. Die vier steht für den Viertaktmotor. Daher kommt der etwas abwertende Name „Grüne Serie“. Die sind halt leiser, als die üblichen Zweitakter, werden aber genauso schnell.

Du hast die Serie mit nach Deutschland gebracht?
Simone Schuft
: Das musste doch weiter gehen. Ich hab mich in der Einstiegsklasse von hinten nach vorne gearbeitet. Dann wollte ich mehr, aber es gab keine Aufsteigerserie. Die hab ich mit der Formula 4 in Skandinavien aufgetan und mich bei dem zuständigen Rennpromoter als potentieller Fahrer gemeldet. Durch mein Interesse ist die Serie zunächst als Formel Mercury, später als ADAC Formel Master nach Deutschland. International heißt sie F4S.

Was war dein einschneidenstes Erlebnis?
Simone Schuft
: Das 24-Stunden Rennen „Motonautique“ in Rouen. Da war ich der einzige deutsche Teilnehmer und die einzige Frau überhaupt.

Wie bist du darauf gekommen?
Simone Schuft
: Ich guck halt nach rechts und links. Ich gebe mich nicht mit dem zufrieden, was ich vorfinde, sondern will weitergehen. Ich strebe nach der persönlichen Grenze. Wo weiß ich denn wo Schluss ist, wenn ich es nicht ausprobiere. Wenn eine Tür aufgeht, gehe ich hindurch.

Du hattest in der Saison 2008 einen Unfall?
Simone Schuft
: Als ich 2003 das erste Mal beim Einführungstraining in meinem Boot saß, sah ich direkt den Himmel und landete auf dem Rücken. Ich hatte den Motor zu stark geliftet, dann kam eine Böe und legte mich samt 220 Kilo Boot auf den Rücken. Mit Blaulicht ging es dann ins Krankenhaus. Am Sonntag saß ich mit zwei dick bandagierten Armen wieder im Boot und meine Eltern erklärten mich für verrückt. Danach wusste ich, was maximal passiert. Den nächsten Unfall hatte ich im September an einem dänischen Fjord. Es war schönstes Wetter, da hat mich die Welle eines Schaufelraddampfers erwischt und so rumgeworfen, dass ich kopfüber ins Wasser eingetaucht bin. Mit einem breiten Grinsen bin ich wieder aufgetaucht. Ganz anders war der Unfall 2008. Nach dem Start hat sich einer der Zehn Fahrer an der ersten Wendeboje aufs Dach gedreht. Beim darauffolgenden  Ausweichmanöver ist ein anderes Boot ungebremst in meins. Außer einem Schreck ist mir jedoch nichts passiert.

Dann hast du dich nie ernsthaft verletzt?
Simone Schuft
: Eigentlich nicht. Fast hätte ich das gebrochene Handgelenk im letzten Herbst vergessen. Da waren die Boote am Start zu dicht beieinander und ich bin senkrecht nach oben.

Ist Rennbootfahrer ein außergewöhnlich gefährlicher Sport?
Simone Schuft
: Das Risiko ist aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen kalkulierbar. Jeder Sport hat Gefahren, man kann auch auf dem Fußballplatz tot umfallen. Es kommt halt auf die Perspektive an. Natürlich suche ich auch den Adrenalinkick. Aber ich mache nichts auf Teufel komm raus.

Bestimmen die anderen Fahrer das Risiko mit?
Simone Schuft
: Ich hab ganz andere, schwer kalkulierbare Gegner, wie Wellen, Wind und Strömung. An die muss ich mein Sportgerät anpassen. Das alles ins Kalkül zu ziehen, seinen Vorteil zu finden macht es spannend.

Was waren deine größten Erfolge?
Simone Schuft
: Für mich war das vom Fahrerischen her das 24-Stunden-Rennen, weil es extrem anstrengend und anspruchsvoll war. Vor allem die Nachtrunden waren etwas ganz besonderes. Ein sportlichres Highlight. Eine große Herausforderung war letztes Jahr der Worldchampion Chip in Portugal mit zwei aufeinanderfolgenden Rennwochenenden. Die Jungs haben nächtelang durchgeschraubt, um das Boot an die Strecke anzupassen.

Wie bist du an die Jungs in deinem Team gekommen?
Simone Schuft
: Im Wesentlichen sind das Freunde aus dem Bootsclub, die mich seit 2007 begleiten. 2010 war ich mit zwei Mechanikern und zwei Helfern unterwegs.

Bist du die tonangebende Teamchefin?
Simone Schuft
: Wichtige Entscheidungen, wie z.B. ob wir dieses Jahr national oder international starten, treffen wir gemeinsam. Das Administrative, wie die Webseite oder Sponsorengespräche mache ich. Bei der Technik lasse ich mich natürlich gerne beraten.

Beschreib doch bitte das Gefühl beim Motorbootrennen.
Simone Schuft
: In den geschlossenen Booten ist es wie in einer Flugzeugkanzel. Man merkt die Fliehkräfte erst bei der Boje.

Vermisst du nicht das pure Fahrgefühl, was du in den offenen Booten hattest?
Simone Schuft
: Am Anfang fand ich das schade. Doch ich kann mich jetzt noch besser auf das Rennen konzentrieren. Wenn die Kanzel zugeht, bleibt alles andere draußen. Man schüttet Adrenalin aus und kommt in eine Kampfsituation.

Bei den offenen Booten ist man  nicht angeschnallt?
Simone Schuft
: Das wäre zu gefährlich. Bei den Offshore-Booten kann man sogar wären der Fahrt rausschleudern. Beim Offshore-Rennen hab ich mich gegen den Protest des Piloten mit einem Gurt fest gemacht. Ich hab mir gesagt: Es wird kein Rennen abgebrochen, weil ich über Bord gehe.

Welche Pläne hast du für die Saison?
Simone Schuft
: Ich würde gerne wieder in Rouen dabei sein. Beim Formel 4 S Championchip wären die Top fünf super. Doch die Entscheidung dort zu starten steht noch aus.  Bei der Weltmeisterschaft gibt es neue Gegner, neue Rennplätze und neue Wettbewerbe. Das reizt sehr.

Bist du schon mal als Frau ausgebremst worden?
Simone Schuft
: 2007 hatte ich im ersten Jahr mit dem Cockpitboot die Chance bei der Worldtour mitzufahren. Zum Rennen nach Dubai wäre ich noch durchgekommen, Doch nach Jeddah in Saudi Arabien konnte ich nicht einreisen, ohne dass mich mein Ehemann, Bruder oder Vater begleitet. Einen Ehemann oder Bruder besitze ich nicht, mein Vater ist verstorben. Ich hab alles versucht. Wollte mit dem Kopf durch die Wand.  Doch das war bislang mein einziges Problem, dass ich als Frau bei meinem Sport hatte.

Simone Schuft fährt seit 2008 ein Zweirumpfboot (Katamaran),  einem 4-Takt-60-PS-Außenbordmotor. Beim Rennen hebt sich das 220 Kilo leichte Boot nahezu völlig aus dem Wasser, durch das Trimmen des Motors. Beim Wenden an den Bojen muss das Boot für die Führung wieder mehr im Wasser liegen. Wenn das Boot zu weit nach oben kommt, besteht die Gefahr, dass eine Windböe es nach hinten umwirft, liegt es zu sehr im Wasser, verliert es Geschwindigkeit, die bis zu 125 km schnell sein kann.
SteckbriefAlter: 36 Jahre
Wohnort: Neuss/Rhein
Beruf: Industriekauffrau
Arbeitgeber: CURRENTA, Leverkusen
Hobbys: Motorsport, Reisen,
Outdoor Sports, Lyrik

Rennkarriere
2002 Rennbootschule und Lizenz
2003 – 2007 Formel ADAC
2007 Gastrennen Formula Mercury
2008 Umstieg in ADAC Formula Mercury
2009 ADAC Motorboot Masters

2009 Offshore-Rennen Honda Formula 4-Stroke Round Britain
2010 F4 WC, F4s WC, F4s EC

2010 24-Stunden Rennen Rouen

Powerboot-RennenDie Formel ADAC ist die Einsteigerserie mit Rennkatamaranen. Die offenen 220 Kilo leichten Zweirumpfbooten mit einem 60 PS Zweitaktaußernordmotor können bis zu 120 Kilometer schnell werden.

Die Katamaran Boote der int. ADAC Formel Masters (F4S) verfügen über einen 60 PS

Viertaktaußenbordmotor und einer geschlossene Sicherheitskabine, mit bis zu 2000 Newton Aufprallschutz. Die neue Rennserie kam als Formel Mercury 2008 aus Skandinavien nach Deutschland und wurde 2009 zu ADAC Formel Masters

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