Aline sammelt Farben am Berg und in den Wellen

Snowboard-Profi Aline Bock liebt das Surfen. Foto: Daniel Zangerl

Snowboard-Profi Aline Bock liebt das Surfen. Foto: Daniel Zangerl

Warum Freeride Weltmeisterin Aline Bock am Anfang des Winters mit dem Kopf viel mehr beim Wellenreiten, als beim Snowboarden ist, was sie mit Frederick der Maus verbindet und welche Ziele sie für die kommende Saison anstrebt, verrät die 28-Jährige im Interview mit den XsportSisters.

Mit dem Kopf ist Aline Bock derzeit noch nicht in ihrem Element. Kein Wunder, denn der Schnee macht sich in den österreichischen Alpen rar. Vor allem abseits der Pisten, dem Revier der deutschen Freeriderin. Vor Weihnachten hat die Wahlinnsbruckerin noch eine anstrengende Promo- und Pressetour absolviert und mal eben eine Werbevideo für einen großen deutschen Elektrodiscounter in Kitzbühl (Mayrhofen) abgedreht. Doch derzeit steht die Welt für sie still. Aber nicht mehr lange. Ab Mitte Januar geht es auf Welt-Tour – nonstop bis in den April.

Du bist zu Beginn der Saison nicht im Schnee?! Wie kommt’s?
Aline Bock: Die Welt steht derzeit still. Ich könnte durchstarten, doch der Schnee ist gerade weg. Im Oktober hab ich bereits bei Neuschnee auf dem Stubaier Gletscher Powder genossen. November war dann gar nichts. Daher bin ich nach Fuerteventura zum Surfen. Energie auftanken. Ab 14. Januar geht es dann los, in La Clusaz in Frankreich. Von da an ohne Unterbrechung bis April. Aber ich will nicht klagen. Ich mag das Reisen mit vielen tollen, neuen Leuten. Ich sammle die Farben.

Das mit den Farben hört sich sehr poetisch an.
Aline Bock: Das ist aus dem Kinderbuch Frederick die Maus. Meine Mutter hat immer Angst, wenn ich auf Tour fahre und sagt zum Abschied: „Von den Farben kannst du leben.“ Denn Frederick hat keine Vorräte für den Winter gesammelt, sondern Farben. Die Geschichte erinnert mich daran, dass mein Sport begrenzt ist. Ich muss das jetzt leben. Wenn ich morgen einen Kreuzbandriss habe, ist alles vorbei.

Eine andere Leidenschaft, die du voll auslebst, ist das Surfen. Erstaunlicherweise hast du dich dabei fürs Longboarden entschieden. Warum?
Aline Bock: Anfangs bin ich natürlich nur Shortboard gefahren und fand Longboard langweilig. Ich wollte Sprays und Turns. Dann waren keine Wellen in Frankreich, und ich musste auf das große Board umsteigen. Seitdem hab ich das Shortboard nicht mehr ausgepackt. Longboarden ist wie Tanzen. Ich hab mich in dieses Tänzerische verliebt. Und die Wellen werden immer größer.

Wie passt das eher entspannte Longboarden mit der ehrgeizigen Wettkämpferin zusammen?
Aline Bock: Klar, beim Snowboarden fahre ich eher sportlich. Das Longboarden ist der Ausgleich. Wenn ich (beim Profisport) die Wahl hätte, würde ich eher fürs Surfen plädieren, doch das mache ich nicht seit 15 Jahren.

Seit wann hat dich das Surf-Fieber gepackt?
Aline Bock: 2003 auf Bali. Ich bin so froh, das machen zu können. Ich will jeden Spot der Welt surfen. Nach einer Heli-Session in Neuseeland bin ich erst am Berg und dann im Wasser gewesen. Bei circa 10 Grad. Es hat geregnet und wurde schon dunkel. Die Jungs haben sich gefragt: „Was macht die Verrückte da draußen?“ Und ich war einfach nur glücklich mit dem Brett in den Wellen.

Und wie ist das mit den Surfboys?
Aline Bock: Ich battle mich ganz gern mit den Männern. Doch Männer aus der Welle zu pfeifen, geht eigentlich nicht. Also es geht für sie nicht, haha.

Du tust es also trotzdem!
Aline Bock: Ich lass mich nicht unterkriegen und surfe meine Welle, jedoch ohne die Regeln zu missachten. Eigentlich ist Surfen pure Leidenschaft. Dieser Competition-Gedanke ist gegenüber mir selbst. Ich bin so ehrgeizig, dass ich nicht zuschauen, sondern alles auch selber können möchte. Als nächstes will ich in Barrel und Tubes. Aber so leicht ist surfen dann auch wieder nicht.

Kannst du eigentlich vom Snowboarden leben?
Aline Bock: Den Snowboardboom vor fünf Jahren nennen wir die goldenen Jahre. Die waren mit der Wirtschaftskrise vorbei. Amerika ist da eine andere Welt als Europa. Die Snowboarder verdienen das Dreifache. Es gibt jedoch nur an die zehn Europäerinnen, die davon leben können. Mit dem Weltmeistertitel reicht es das erste Mal. Aber dass ich mir was zur Seite legen kann und reich werde? Nein. Dafür sehe ich die Welt umsonst.

Du hast ja auch noch dein Studium…
Aline Bock: Ich hab den Bacelor in Sportmanagement und könnte den Master draufsetzen. Das ist natürliche ein Back-Up, wenn ich mich verletzte. Doch derzeit pausiert mein Studium.

Du organisierst auch Events?
Aline Bock: Ja, unter anderem als Projekt Managerin für Rebel Media bei einer Kooperation von Suzuki und Quicksilver in Frankreich. Das waren gute Erfahrungen. Gerne würde ich später was im Frauensport machen. Zum Beispiel für eine Frauenfirma, wie Roxy. Ich würde auch gern ein Lawinencamp für Frauen anbieten oder mit Bergstationen zusammenarbeiten. Aber jetzt bin ich erst einmal durchgebucht.

Was hast du dir für die Saison vorgenommen?
Aline Bock: Natürlich versuche ich den Titel zu verteidigen. Doch die Nummer eins kann man nicht erzwingen. Die zu werden, war nicht das Natürlichste der Welt. Das war harte Arbeit. Der Druck ist hoch. Ich versuche einfach in der Saison glücklich zu sein und mich nicht zu verletzten. Mehr als auf die Wettkämpfe konzentriere ich mich auf einen Videodreh. Ich wollte immer schon in Alaska filmen und hab jetzt die Chance dazu. Letztes Jahr habe ich nicht gedreht. Ein Video ist auch viel Wert. Auf die Sachen, die ich dabei fahre, kann ich dann stolz sein.

Wie würdest du einem Außenstehenden deinen Sport erklären?
Aline Bock: Freeride, das ist  Snowboarden abseits der Piste ohne Restriktionen oder Zeitdruck. Du hast einen ganzen Berg vor dir, an dem du eine flüssige, spektakuläre Linie aussuchst, einen tollen Powder fährst, über Cliffs springst.

Du gehst den Berg selber hoch? Ist das nicht tierisch anstrengend?
Aline Bock: Das muss nicht immer mit Helikopter sein. Man kann auch selber hoch gehen, mit dem Brett auf dem Rücken. Das sind bei Wettkämpfen Aufstiege bis zu anderthalb Stunden. Dadurch wärmen wir uns auf, wissen, welche Strecke wir fahren. Ich kann mich dabei konzentrieren und mir eine Linie ausdenken. Es gibt neuerdings Split-Boards, die du zu Tourenski umfunktionieren kannst. Ich freu mich drauf, die dieses Jahr auszuprobieren.

In einem Artikel über dich steht, du hättest keine Angst.
Aline Bock: Ich habe sehr wohl Angst. Nur durch die Angst bin ich am Leben. Das ist wichtig, am Berg auch mal nein sagen zu müssen. Beim Adrenalin ist immer Angst dabei. Das schützt vor Gefahren wie Lawinen. Gerade bei den Freeridern. Da kommt man nicht wieder raus. Wenn ich Risse höre, dann bin ich aus dem Hang raus. Ich weiß, meine Fähigkeiten einzuschätzen. Ich muss immer wissen, wo ich mich im Hang befinde. Du brauchst ein fotografisches Gedächtnis. Dann kann ich in der Line Plan B vornehmen. Gesundheit ist mir immer wichtiger, als ein toller Run.

Für das Freeriden braucht man also viel Erfahrung?
Aline Bock: Das stimmt! Man muss unter anderem wissen, wie man den Berg liest und ihn sich fotografisch einprägen können. Dafür braucht man Jahre. Daher sind die meisten guten Fahrer alle schon älter als 25 Jahre.

Stand: 16.01.2011

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