Der Double und ich

Danni springt den Double.

Danni springt den Double.

Mach ich’s? Oder mach ich’s nicht? „Komm schon!“, sporne ich mich in Gedanken an, „ist doch ganz einfach.“ Schließlich habe ich es bereits getan. Einmal. Nur heute möchte ich bitte nicht anschließend mit dem nächstbesten Baum knutschen. Der Double muss doch drin sein. Das Gap ist nur eine Fahrradlänge breit – was zum Teufel soll da schief gehen? Das ist doch nix.  Los jetzt! Verdammt. TRAU DICH! Du Sissi.

Der Repeat-Modus lässt sich nicht ausschalten, und so wiederholen sich diese Sätze unentwegt in meinem Kopf, während mein Freund und ich Richtung Bikepark „Filthy Trails“ in Belgien unterwegs sind. Wer bleibt schon bei Sonne und wolkenlosem Himmel im Herbst zu Hause? Ich jedenfalls nicht.

Erste Abfahrt – alles Mist. Enge Anlieger und ich werden wahrscheinlich nie dicke Kumpels werden. Meine Vorderradbremse geht mir auf die Nerven. So richtig gefunkt hat’s zwischen uns irgendwie auch noch nicht. Ich Niete!  „Läuft heute nicht“, sage ich zu meinem Mann nach zwei weiteren, ähnlich holprigen, verkrampften fünf-Kilometer-pro-Stunde-Abfahrten. „Bei mir auch nicht!“, ist seine Antwort, nachdem er zum Einfahren geschmeidig über das Road Gap geflogen ist. Der will mich wohl verarschen, denke ich und spüre den Impuls,  mein Bike den Abhang runterzuschubsen. Andererseits: Vielleicht sollte ich die Line wechseln?

Ein guter Gedanke, wie sich zeigt. Ich heize über den Mini-Drop, Mini-Kicker, Mini-Wallride, Mini-Double. Gefühlte Geschwindigkeit: 80 Kilometer pro Stunde – sogar mit Grinsen. Und dann kommt auch meine weibliche Verstärkung Julia auf den Platz. Der Jubel ist groß, Gequieke hallt durch den Wald. „Direkt den mittleren Drop, oder?“, fragt mich Julia. „Jupp!“, lautet meine Antwort. Was für eine Wendung: Vorhin wollte ich mich noch weinend auf den Boden werfen, die Fäuste gen Himmel schwingen – und jetzt bin ich voll im Flow. Dank Julia. Wir liegen beim Biken voll auf einer Wellenlänge, ermutigen uns, ohne uns gegenseitig zu stark zu pushen oder miteinander zu konkurrieren. Was für ein Spaß.

Ein paar Runden später bleiben wir am Double stehen. Davor führt ein Steinfeld in eine Senke, von da aus geht’s kurz rauf  zum Abflug. Bei der Landung fällt man nicht allzu tief. Eine einfache Sache.  Sieht hübsch aus. „Na? Wie sieht’s aus – machen wir den?“,  fragt Julia grinsend. „Ich bin ja so aufgeregt!“  Ja. Machen wir. I am ready.  Gleich heißt es: Anfahren, durchatmen – dann gibt’s kein Zurück.

Ich springe immer erst dann, wenn ich mir sicher bin. Es ist mir egal, ob andere sagen: „Das hättest du schon längst machen können!“ Wenn ich noch nicht bereit bin, ist das halt so. Ich muss niemandem etwas beweisen. Also, Danni: Fühlst du dich bereit? Hast du Bock? Hast du Spaß? Ja, ja, ja! Plus ein ganzes Rudel Schmetterlinge im Bauch.

Julia und ich stehen am Hang, mein Mann ermutigt uns unten am Double. Er weiß, was wir können, er glaubt an mich, das gibt mir zusätzlich ein sicheres Gefühl. Ich fahre vor. Gas, Gas, Gas, Steinfeld runter, pushen, Abflug, Hui, Landung, ausrollen. Fertig. Breites Grinsen. Absteigen. Wieder hoch. Kuss an den grinsenden Mann. High-Five an Julia. Gemeinsames Quieken. Nochmal!

Und was habe ich gelernt?  Fahre das, was dir Spaß macht, mit Freunden, die gut für dich sind. Glaube an dich und sei mutig. Und immer lächeln! Der Rest kommt von ganz alleine.

Stand: 28. Oktober 2010

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