Leben im Eis

Ines Papert, Foto von: Rainer Eder

Ines Papert, Foto von: Rainer Eder

Gipfel ziehen sie magisch an und locken sie in ferne, abgelegene Orte der Welt: Die vierfache Weltmeisterin im Eisklettern Ines Papert (*1974) hatte sich 2006 aus dem Wettkampfgeschehen verabschiedet und konzentriert sich seitdem auf eigene Expeditionen. Mutterglück und Profi-Sport schließen sich für Ines Papert, die mit ihrem zehn Jahre alten Sohn in Bayerisch Gmain lebt, nicht aus. Im Gegenteil.

Sie sprechen häufig vom Glück: Von ihrem Lebensglück, das Sie beim Bergsteigen gefunden haben, und vom Mutterglück. Wie lässt sich das vereinbaren?
Das lässt sich total vereinbaren! Am Anfang, in den ersten Jahren, muss man sich an die Rolle der Mutter gewöhnen, das war ein Spagat. Aber ich habe die Freiheit, mich zu entscheiden, in welche Situation ich mich begebe. Es gibt schon Momente, in denen ich sage: Das ist mir ein zu großes Risiko. Aber wenn ich mich entschieden habe, bin ich mit Geist und Körper voll dabei. Probleme gibt es, wenn sich die Bedingungen am Berg plötzlich ändern und die Situation  nicht mehr berechenbar ist. Das ist normal. Es ist also nicht so, dass ich sage: Als Mutter kann ich das nicht verantworten. Ich entscheide mich vorher.

Ihr Sohn hat ihre Einstellung zum Klettern verändert. Inwiefern?
Früher hatte ich sehr viel mehr Zeit zum Klettern. Jetzt muss ich meine Zeit einfach effektiver nutzen. Es ist nicht schwieriger mit Kind. Im Gegenteil. Das beißt sich nicht. Ich kann mir die Zeit einteilen, kann mir Freiraum schaffen. Es erstaunt mich, warum nicht mehr Frauen ihren Weg durchziehen. Im Sommer unternehme ich viel mit meinem Sohn, dafür bin ich im Winter vier Wochen auf Expedition. Aber sonst bin ich viel da. Er weiß, dass ich das Bergsteigen brauche, um eine glückliche Mutter zu sein.

Meist sind es Männer, die bergsteigen. Spielt das für Sie eine Rolle?
Ich sehe mich nicht als Frau am Berg, sondern als Mensch am Berg. Das Frausein ist für mich völlig nebensächlich. Der Unterschied ist, dass sehr wenige Frauen auf einem höheren Niveau selbstständig bergsteigen. Frauen werden als Kinder erzogen, vorsichtig zu ein. Ich beobachte, dass Frauen gerne die Verantwortung an Männer abgeben. Mir passiert das auch bei sehr schwierigen Passagen. Deshalb bin ich sehr gerne mit Frauen unterwegs, weil sich dann die Verantwortung aufteilt und man das Ziel wirklich gemeinsam schafft.

Gibt es bestimmte Frauen, mit denen Sie besonders gerne unterwegs sind?
Ja. Es ist wichtig, sich gegenseitig sehr gut zu kennen. Ich habe eine Handvoll Freundinnen zum Bergsteigen, die je nach Projekt qualifiziert genug sind.

Stellen Extremsituationen am Berg Freundschaften hart auf die Probe?
Auf jeden Fall. Aber das Ziel ist der Berg, nicht die Freundschaft. Auch wenn die Freundschaft ein großer Bestandteil ist. Man verbringt die ganze Zeit zusammen, Tag und Nacht, und in der Höhe werden gewisse Merkmale, die man hat, ausgeprägter unter Stress. Wenn der eine mit den Schwächen des anderen nicht klar kommt, geht das nicht.

Was sind denn Ihre „Merkmale“?
Ich bin sehr ungeduldig. Das hängt damit zusammen, dass es mein Ziel ist, zügig voran zu kommen. Zeitgewinn bedeutet Sicherheit, weil es dann seltener zu Wetterumstürzen kommt. Es ist schwierig, wenn jemand nicht mithalten kann. Aber deshalb sucht man sich ja auch Leute, die mithalten können.

Sie sind in der DDR aufgewachsen, wo ein anderes Rollenverständnis von „Mutter“ vorgeherrscht haben soll als in der BRD. Wie war das bei Ihnen?
Ich bin selbstständig aufgewachsen, wie auch meine Schwester, weil unsere Eltern arbeiten mussten. Das ist nicht von Nachteil gewesen. In meinem heutigen Umfeld sehe ich, dass Eltern Kindern zu wenig zu trauen, sie zu viel behüten. Die Kinder sind nicht selbstständig. Das läuft bei meinem Sohn und mir anders. Ich bekomme schon mal die Frage gestellt: „Traust du das deinem Sohn zu? Ist das nicht zu gefährlich?“ Er trifft  eigene Entscheidungen, das hat sich bewährt.

Inwiefern klettern Sie gemeinsam?
Nächstes Jahr werde ich in Kanada klettern, da kommt mein Sohn nach. Er ist Teil der Reise. Wir gehen oft zusammen bouldern. Im Winter fahren wir Ski. Alpine Routen kommen nicht in Frage, die kann man mit einem Kind nicht machen. Er macht alles gerne, was sich draußen abspielt. Ich will ihn nicht zum Klettern überreden, das ist seine Entscheidung. Er ist mehr derjenige, der schnelle Abstiege mit dem Mountainbike runter fährt oder auf Skiern durch den Pulverschnee…

Das klingt sehr idyllisch…
… das ist es auch….

Wirklich? Ist jene Vereinbarkeit nicht manchmal auch anstrengend?
Wir leben aus der Tasche. Wir packen ein, fahren los, kommen zurück, packen wieder aus, ich packe wieder eine kleine Tasche für die nächste Tour, ja, wir packen wirklich viel (lacht). Ich finde es toll, Freunde zu besuchen in den Alpen oder in den Rocky Mountains. Das erweitert den Horizont vom Kind, und ich brauche das um mich herum. Zu wissen, dass die Tür bei den Freunden offen steht. Wir würden nie einen Club auf Mallorca buchen. Wir fahren los, buchen einen Flug, der Rest ergibt sich. Es ist viel spannender, ein Boot auszuleihen und dann abends am Lagerfeuer zu sitzen, das ist unser Leben.

Was sind Ihre Pläne für die kommenden Monate?
Ich reise im Frühherbst 2010 nach Kirgisistan. Die Idee ist, einen Berg mit einer 2000 Meter hohen Eislinie zu besteigen. Die bisherigen Expeditionen waren nicht erfolgreich. Wir haben uns erkundigt, woran es lag, und glauben, den Berg besteigen zu können. Im Winter möchte ich nach Schottland. Das klingt nicht spannend, ist es aber. Denn dort möchte ich traditionell klettern (Normalhaken statt Bohrhaken). Das ist leider nicht verbreitet, hat aber den größeren Abenteuerwert. Im Sommer werde ich nach Kanada reisen. Das wird eine Felsbegehung mit einem Frauenteam. In Kirgisistan bin ich nur mit Männern unterwegs.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Zukunft?
Ich denke nicht langfristig. Wenn es so läuft, dass wir als Familie so weiter leben können und ich meine Expeditionen und Unternehmungen ausüben kann – okay, natürlich möchte ich immer einen weiter draufsetzen – bin ich zufrieden. Ich denke höchstens bis zum Sommer im Voraus. Eine Reise ergibt die nächste. Es gibt immer Freunde und Leute, denen man begegnet und die einen auf neue Ideen bringen. Ich blicke positiv in die Zukunft, das ist meine Lebenseinstellung. Das funktioniert gut.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zum Weiterlesen:
Ines Papert, Karin Steinbach, „Im Eis – Wie ich auf steilen Routen meinen Weg fand“, September 2006, 320 Seiten mit 24 Seiten Farbbildteil (gebundene Ausgabe; auch als Taschenbuch erhältlich), ISBN: 9783890293196

http://ines-papert.de

Stand: 13. Juli 2010

About Lilian Muscutt